Darf man das? Das haben sich viele gefragt, als vor drei Jahren Jonathan Littells Die Wohlgesinnten auf Deutsch erschien. Im Buch schildert der Autor das Grauen von Weltkrieg und Judenvernichtung distanzlos aus der Perspektive des fiktiven SS-Offiziers Max Aue. Ein Edelnazi ist dieser Aue, eine gebildete Bestie, dem Altgriechisch so flüssig über die Lippen kommt wie die faschistische Ideologie. Und der zu allem Überfluss in die Heldengewänder der griechischen Mythen gekleidet wird: Ein Wiedergänger von Orest, erschlägt er Mutter und Stiefvater und schläft mit seiner Schwester, einer modernen Elektra.

Jetzt hat sich am Maxim Gorki Theater Hausherr Armin Petras an die Bearbeitung von Littells Skandalstoff gemacht, und da stellt sich zuerst eine andere Frage: Geht das? Einen Roman, der auf 1400 Seiten das Pandämonium des "Dritten Reichs" in Nahaufnahmen erkundet, auf Theaterabendlänge zusammenpressen? Nun ja, Erfahrung hat Petras in der Bearbeitung von Wälzern. Als wir träumten von Clemens Meyer , Steinbecks Früchte des Zorns , Uwe Tellkamps Turm , alles hat er kleingekriegt. Und es geht auch mit den Wohlgesinnten – so halbwegs. In dreieinhalb Stunden rauscht der Roman über die Bühne.

Am meisten Zeit lässt sich die Inszenierung zu Beginn. Vorne ist die Bühne vollständig mit einem Spiegel verstellt. Wir sehen als Zuschauer, wie wir im Theater sitzen. Und wir sehen, gesondert beleuchtet, den Schauspieler Peter Kurth im ersten Rang sitzen. Er spielt den alten Max Aue, der davon erzählt, wie er nach dem Krieg mit falschen Papieren in Frankreich als Spitzen-Fabrikant reüssiert hat. In dieser Art Prolog zu seinen Memoiren zieht Aue auch gleich ein Fazit. Er betrachtet sich als einen ganz normalen Menschen. Wir alle würden vielleicht handeln wie er, wenn es die Umstände erzwängen. "Ihr könnt niemals sagen: Ich werde nicht töten, das ist unmöglich, höchstens könnt ihr sagen: Ich hoffe, nicht zu töten." In den Spiegel gesprochen, aus der Mitte der (Theater-)Gesellschaft, soll das eine Einladung zur Selbstreflexion sein.

Wie Aue ins Morden gerät, spielt sich dann unten vor dem Spiegel ab, oder besser: spult sich ab. Denn gespielt wird kaum. Die Schauspieler hätten dafür gar nicht den Platz, so schmal ist der Streifen, der ihnen zwischen Bühnenrand und Spiegelwand bleibt. Also stehen sie oft in Reih und Glied und tragen Textpassagen im Chor vor, aus dem sich einzelne Stimmen herauslösen, zuerst die vom jungen Aue, gespielt von Max Simonischek. Die restlichen Rollen, Nazipersonal von Himmler bis Höß sowie Freunde und Verwandte von Aue, verteilt Petras geschickt auf die Schauspieler Aenne Schwarz, Thomas Lawinky, Cristin König und Anja Schneider. Zwar ist nicht immer auszumachen, wer gerade welche Rolle spielt. Verständlich bleibt der Text trotzdem. So wie auch die Spielverweigerung nachvollziehbar ist. Aue berichtet von grauenhaften Massakern an Juden. Dafür auf der Bühne Bilder zu finden, und sei es nur im Mienenspiel der Schauspieler, wäre völlig unangebracht.

Nach der Pause öffnet sich die Aufführung etwas mehr dem Spiel. Der Spiegel wird dazu in eine Schräglage gebracht, sodass er über der Bühne schwebt und deren Hintergrund halb freigibt. Wahrscheinlich geschieht das, weil sich die Erzählung weg von den Gräueln der Judenvernichtung bewegt und damit auch Petras’ Scheu vor Bildern weicht. Allerdings sind die Bilder, die Petras nun findet, vor allem solche, die einen selbstreflexiven, bis zur Ironie gehenden Zweifel an ihrer Tauglichkeit transportieren. Ein Kübel Blut wird beiläufig auf die Bühne gekippt. Ein Gewirr von Fäden soll menschliches Gedärm darstellen. Die Schauspieler halten sich Masken vors Gesicht. Und irgendwann regnet Konfetti von der Decke.