Dreißig Stufen muss Willfried Bez hinaufsteigen, um anzukommen in seinem Kindheitstraum – er wird gerade in fünf Metern Höhe zusammengezimmert, aus hellem, warmem Lärchenholz. Bez ist 79 Jahre alt und lässt sich ein Baumhaus in seinen Garten setzen – über die Waldweidenröschen, den Sommerhibiskus, den wilden Wein, die Rosen und über die Ligusterhecke. "Ich hatte schon immer den Wunsch, über das Nachbarhaus in die Rhein-Main-Ebene schauen zu können", sagt Bez. Der Rentner möchte dort oben den Blick genießen, mit den Nachbarn Einweihung feiern, Karten spielen und ab und zu im Baumhaus übernachten, auch mit seiner Frau, wenn sie mag. Nur einer Nachbarin gefällt nicht, was da gerade entsteht, so nah an ihrem Grundstück. Sie hat Angst, Besucher könnten vom Baumhaus aus in ihren Nachmittagstee schauen. Die Plattform ist schon fertig, lediglich Wände und Dachstuhl müssen noch errichtet werden. Die Hämmer klopfen, und die Sägen singen im Garten des Rentners. "Als ich jung war, habe ich von Baumhäusern geträumt", sagt Bez. Mit dem Haus setzt er neue Maßstäbe in seiner Nachbarschaft, hier in Königstein im Taunus.

Das Lärchenholz ist rau, riecht süß, und es klebt vom Harz der Fichten, auf denen die Plattform steht. Johannes Schelle streicht mit seiner Handfläche über die frisch konstruierte Plattform, auf die das kleine Haus gestellt werden soll. Mehr als ein Bett, ein Tisch und eine Eckbank werden nicht hineinpassen. Schelle ist mit seinen zwei Mitarbeitern aus München angereist. Eine gute Woche brauchen sie, um das Baumhaus aufzustellen. Die Einzelteile haben sie in der Münchner Werkstatt schon vorbereitet: gesägt, gebohrt, geklebt.

Hausbau in einer Woche

Seit sechs Jahren baut der 36-Jährige schon Baumhäuser für Erwachsene, für Kindergärten, für Hotels. Kleine Häuser, große Häuser, Häuser mit Strickleitern, Sprossenleitern oder Wendeltreppen. In diesem Jahr werden es wohl insgesamt 20 sein. Je nach Projekt engagiert Schelle freie Mitarbeiter, Elektriker und Zimmerer, die ihn bei der Arbeit unterstützen. Der Handwerker hat weiche Gesichtszüge, einen warmen Blick und wirkt immer etwas besorgt. Schelle ist einer, der sich um seine Kunden kümmert, sich mit ihnen unterhält, mit ihnen Kaffee trinkt.

Er hat einmal Architektur studiert, dann aber abgebrochen, weil ihm das Studium zu lange dauerte, weil er sich für die Theorie nicht begeistern konnte und nur mit Holz arbeiten wollte. Es sei ein tolles Material, sagt er: "Es riecht gut, es schaut gut aus, und es ist wahnsinnig vielseitig." Schelle wurde dann Zimmermeister und heuerte bei seinem Vater an. Er sollte die Baufirma übernehmen, die einst der Urgroßvater in München gegründet hatte. Die Familie war fassungslos, als er bei seinem Vater kündigte, um Baumhäuser zu bauen.

Nach zwei Jahren kam der erste Auftrag

Wie Willfried Bez träumte auch Schelle schon als kleiner Junge von Baumhäusern, von einem Platz in der Höhe, einem Domizil zum Verweilen, einem Ort, den ungebetene Gäste nicht einfach betreten können. Damals habe er sich ein paar Bretter aus der Garage seiner Eltern geholt und sie wild in eine Rotbuche getrieben. Dann, Jahre später, während der Semesterferien, baute sich Schelle ein zweites, größeres Baumhaus, eines zum Übernachten. Irgendwann übermannte ihn die Lust am Baumhausbauen, und so setzte er ein Foto seines Prototyps auf eine "unglaublich unprofessionelle" Homepage – und bot sich an als Baumhausbauer. Nach zwei Jahren kam der erste Auftrag. Am Anfang habe er kaum Erfahrung gehabt, aber mit jedem Haus dazugelernt.

Vom ersten Lohn, von viereinhalbtausend Euro, leistete sich der Zimmermeister eine neue Website mit professionellen Fotos, kaufte sich Werkzeug und schaltete Anzeigen im Internet. Fast alle Anfragen und Aufträge erhalte er über die Homepage. "Die meisten Kunden sind erstaunt, wenn sie die Preise erfahren." Viele rechneten mit 300 Euro, aber allein das Material koste schon das Zehnfache. Schelle verlangt für seine Baumhäuser, je nachdem, wie groß sie sind und welche Ausstattung sie haben, 6.000 bis 40.000 Euro.