In Bundesbern erzählt man sich folgende Geschichte: Als Ueli Maurer, damals noch Nationalrat, vor den Bundesratswahlen im Dezember 2008 zum Hearing vor der SP-Fraktion antrat, gab er freimütig Auskunft darüber, wie das sei mit dem Geld der Großbanken und der SVP. Die Banken führten Strichlisten: Für jede Abstimmung, bei der die Parlamentarier im Sinne der Bank votieren, gebe es ein "Strichli". Am Ende des Jahres werde abgerechnet – und entsprechend fließe Geld in die Parteikasse.

Anekdoten wie diese bestätigen, was viele Bürger, Politiker, Wissenschafter und Journalisten vermuten: Politik ist käuflich. Ja, Politikfinanzierung ist der heimliche Wahlkampfschlager, obschon keine Partei das Thema offiziell lancierte. Alle wollen Licht ins Buchhaltungsdunkel bringen, mehr Transparenz lautet das Gebot der Stunde.

Also wissen wir nun: Eine Ständeratskandidatur im Kanton Bern kostet zwischen 63.000 und 190.000 Franken (Berner Zeitung). Die SVP hat ein geschätztes Wahlkampfbudget von 20 Millionen Franken (Bilanz). Der persönliche Wahlkampf von Christoph Blocher kostet vermutlich eine Million Franken (Sonntag). Von Mai bis August hat die SVP 3,39 Millionen Franken für Werbung ausgegeben – 2,7 Millionen Franken allein im August. Das ist 4-mal mehr als die FDP und 25-mal mehr als die SP ausgegeben hat, errechnete das Marktforschungsinstitut Media Focus für die Télévision Suisse Romande. Und die Sonntagszeitung klärt uns auf: Linkspolitiker verdienen nur halb so viel wie Bürgerliche.

Unbeantwortet aber bleibt in diesem Zahlenreigen die Frage: Ist Politik käuflich? Nein, glaubt der Politikwissenschafter Hanspeter Kriesi. Er analysierte die Kampagnenkosten der Abstimmungen zwischen 1981 und 2006. Sein Fazit: "Es erscheint ziemlich übertrieben zu behaupten, dass man Abstimmungserfolg kaufen könnte." So scheiterte beispielsweise 2008 die Einbürgerungsinitiative der SVP – trotz landesweit vollgekleisterter Plakatwände. Ausschlaggebend ist Geld, gemäß Kriesi, nur bei Abstimmungen, die auf der Kippe stehen. Etwa bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform II, ebenfalls im Jahr 2008 an die Urne gekommen – und angenommen mit läppischen 20.000 Stimmen Unterschied. Die Trendwende brachte eine massive PR-Kampagne der Wirtschaft.

Geld allein macht also keine Politik – und schon gar keine Wahlsieger. Das erfährt die FDP seit Jahren. Heuer wie 2007 liegt sie bei den Wahlkampfbudgets auf Rang zwei, doch an der Urne wurde sie vor vier Jahren nur drittstärkste Kraft, für den 23. Oktober sagen ihr die Polit-Auguren gar einen Totalabsturz voraus. Und Unternehmer Blocher müsste es vorm Return on Investment seiner SVP grausen. 20 Millionen Franken kostet die Partei die Konsolidierung ihrer Macht. "Ohne den möglichen Einfluss des Geldes zu verkennen, ist der Bundesrat doch der Meinung, dass Fantasie, Kreativität und Engagement durch keine geldmächtige Kampagne zu ersetzen sind", antwortete die Landesregierung vor zehn Jahren auf eine SP-Interpellation. Vielleicht lag sie mit ihrer leicht naiven Weltsicht gar nicht so falsch.

Lange forderte allein die Linke mehr Transparenz bei der Politikfinanzierung, die Bürgerlichen taten dies als Neiddebatte ab. Schließlich bekamen nur sie Geld von Credit Suisse, Novartis, Roche oder Nestlé – und bis 2009 von der UBS. Hilmar Gernet, Historiker und Cheflobbyist der Raiffeisen-Bank nennt diese Firmen in seinem Buch (Un-)heimliches Geld die wichtigsten Geldgeber von FDP, CVP und SVP. Nun fordert aber auch die Rechte mehr Durchblick. Transparenz ist en vogue, da darf man nicht abseits stehen. SVP-Nationalrat Lukas Reimann will die Einkünfte der National- und Ständeräte offenlegen, nicht mehr nur deren Interessenbindungen. Sogar der Ständerat, ein Hort der Bürgerlichkeit, verlangt seinerseits eine Offenlegung der Finanzierung von Abstimmungskampagnen.

Die Fixierung aufs Geld verstellt den Blick fürs Ganze

Gleichzeitig erhöht sich der Druck aus dem Ausland. Die Schweiz ist neben Schweden das einzige europäische Land, das keine Regulierung der Politikfinanzierung kennt. Die Wahlbeobachter der OSZE maßregelten die Schweiz im Wahljahr 2007: Die Offenlegungspflichten seien ungenügend. Der Global Corruption Report von Transparency International, einer Nichtregierungsorganisation, stellt die Schweiz diesbezüglich auf eine Stufe mit Albanien, El Salvador und Sri Lanka. Diesen November erscheint ein Bericht der Antikorruptionsbehörde des Europarats. Was darin steht, hat das Bundesamt für Justiz in einem Papier bereits antizipiert. Die Schweiz wird wie Schweden einen Rüffel kassieren und die Korruptionsbekämpfer werden Folgendes fordern: eine detaillierte Erfassung der Parteifinanzen und Kampagnengelder, ein Verbot anonymer Parteispenden, ein unabhängiges Kontrollsystem mit harten Sanktionen. Gedroht wird mit einer "schwarzen Listen", auf die man die Eidgenossenschaft setzen werde.

Doch kann die Politik an der Transparenz genesen? Klar, es wäre wichtig, zu wissen, wer die Großspender der Parteien sind. Allein schon, um den Mythos vom "gekauften Politiker" zu erledigen. Oder wie Martina Caroni, Luzerner Jus-Professorin und Autorin des Buchs Geld und Politik, sagt: "Transparenz schafft Vertrauen."

Aber die Fixierung aufs Geld verstellt den Blick fürs Ganze. Politik wird als Milchbüchleinrechnung missverstanden: Stimme gegen Knete. Doch Parlamentarier, die in Beiräte oder Verwaltungsräte gewählt werden, lechzen nicht in erster Linie nach Sitzungsgeldern. Sie wollen mit Wissen über Sachvorlagen versorgt werden. In einem Milizsystem ist es für Politiker und Parteien unmöglich, in allen Dossiers sattelfest zu sein. Einflüsterer, also Lobbyisten, sind unabdingbar. Mehr noch: Ihr Mitwirken ist gewollt – schwache Parteien sowie starke Wirtschafts- und Gesellschaftsakteure, darauf gründet die Schweiz. Man baut auf den Wettbewerb der Ideen.

Deshalb gelingt es hierzulande auch Mittellosen oder Minderheiten, Einfluss auf die öffentlichen Debatten zu nehmen. In welchem anderen Land können Mittzwanziger ein gewichtiges Wort in der Außenpolitik mitreden? In Bern finden die jungen Vertreter des außenpolitischen Thinktanks foraus mit ihren papers offene Parlamentarierohren. Wo kann mit Eugen Haltiner ein UBS-Manager zum Finma-Chef aufsteigen, also zum Kontrolleur seines ehemaligen Arbeitgebers? Und wo ernennt eine bürgerliche Bundesrätin mit Serge Gaillard einen Gewerkschaftssekretär zum Direktor für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft? Ohne solche Seitenwechsel kann ein Kleinstaat nicht sein.

Und was passiert, wenn Wirtschaft und Gesellschaft das Interesse an einem politischen Dossier verlieren, zeigt sich zurzeit in der Sicherheitspolitik. Das absurde Theater um die Zukunft der Schweizer Armee ist auch eine Folge des Bedeutungsverlusts der Rüstungsindustrie für den Werkplatz Schweiz. Halbwissen dominiert die Diskussion. Ideologen übernehmen die Meinungsführerschaft, man führt eine Hors-sol-Debatte. Expertenwissen ist rar, an den sicherheitspolitischen Forschungsinstituten wie dem Center for Security Studies der ETH Zürich hält man sich bei umstrittenen Fragen vornehm zurück. Zu sehr ist man von den staatlichen Aufträgen aus Bundesbern abhängig. Die Folge ist, dass die Schweiz für mehrere Milliarden Franken Kampfflugzeuge kauft – ohne zu wissen, ob man sie überhaupt braucht.

So wird die Transparenzdebatte zum Lehrstück. Wer in der Schweiz Ordnung um der Ordnung willen schafft, rüttelt an ihren Grundfesten. Das Land ist eine große Bastelei – ein Land, in dem sogar Großbanken Strichlisten führen.