Zur zweiten Gruppe gehört zum Beispiel die scheidende Generalbundesanwältin Monika Harms . Bevor sie Deutschlands höchste Strafverfolgerin wurde, war Harms lange Jahre Vorsitzende Richterin eines BGH-Strafsenats. Sie gilt als konservativ und streng. Auf Fischer angesprochen, sagt sie knapp: "Niemand am Bundesgerichtshof kann ihm das Wasser reichen" – dann muss sie weiter.

Fischer hatte schon ein bewegtes Leben hinter sich, als er mit Mitte dreißig sein Zweites Juristisches Staatsexamen ablegte: Als Teenager hatte er das Gymnasium abgebrochen, um Musiker zu werden, war zwei Jahre später zurückgekehrt, hatte nach dem Abitur zunächst Germanistik studiert und war als Schriftsteller an den eigenen Ansprüchen gescheitert, hatte jahrelang als Lastwagenfahrer und Paketzusteller malocht und sich schließlich fürs Strafrecht entschieden, weil ihn der immerwährende moralische Prozess fesselte, in dem Normen entstehen, durchgesetzt werden und verfallen. Das muss wissen, wer den polarisierenden Charakter des Thomas Fischer begreifen will.

Der zeigt sich auch in seinem Aufsatz Spuren der Strafrechtswissenschaft, der 2011 in einer Festschrift erschienen ist. Darin nimmt Fischer – der selbst als Honorarprofessor an der Universität Würzburg lehrt – in einer Art Buchbesprechung einen Sammelband aufs Korn, in dem die Elite der deutschen Strafrechtsprofessoren in autobiografischen Beiträgen auf die eigene Lebensleistung zurückblickt. Mit dem Scharfsinn des Revisionsrichters analysiert Fischer die Texte und rechnet mit einer ganzen Generation vermeintlich begnadeter Strafrechtslehrer ab. Er wirft ihnen vor, die Vergangenheit zu verklären, eigene Misserfolge unter den Teppich zu kehren und einen Lebensstil zu preisen, der vor allem in Bravheit und Anpassung bestand. Die meisten Texte liest Fischer als Zeugnisse der Furcht vor dem Exzess und spottet: Selbst die Beschreibung von Exzentrikern, denen der Jurist berufsbedingt begegne, sei "erkennbar von der Sorge getragen, nicht etwa selbst für einen solchen gehalten zu werden". Auch habe die Mehrzahl der Autoren ihren Lebtag eine rein theoretische "Wissenschaft vom Strafen" betrieben, also über Freiheitsentzug räsoniert, ohne jemals ein Gefängnis von innen oder einen Verbrecher aus der Nähe gesehen zu haben.

Am härtesten geißelt Fischer die fehlgeschlagene Auseinandersetzung vieler Eminenzen der Rechtswissenschaft mit der NS-Justiz: Deren Missachtung von Gerechtigkeit und Menschlichkeit werde in kaum einem Beitrag der 21 Gelehrten angesprochen – für Fischer eine große Enttäuschung. Denn: "Die Generation ihrer Lehrer war zu einem nicht geringen Teil – sei es als Scharfmacher und Täter, sei es als Mitläufer, sei es als schweigende Wegseher – mehr oder weniger in die Schuld der NS-Herrschaft verstrickt." Man müsse – wenn hier schon von den Errungenschaften der Autobiografen die Rede sei – auch nach deren "Interesse, Mut, Rückgrat und Aufrichtigkeit" bei der Auseinandersetzung mit den eigenen Doktorvätern fragen. Darüber aber erfahre der Leser "fast nichts". Offenbar sei eine "kritische Rückschau auf die Verantwortung des eigenen Fachs" kein Schwerpunkt dieser Juristengeneration gewesen.

Obwohl – oder weil – Fischers Buchbesprechung trifft, hat sie ihm eine Menge Unmut beschert. Mancher der gescholtenen Honoratioren registrierte erbost, dass ein ehemaliger Paketbote es wagte, sich mit ihnen anzulegen. Einer der attackierten Wissenschaftler, der im Ruhestand noch auf ein paar letzte Lorbeeren durch den BGH-Rezensenten gehofft haben mochte, fühlte sich von Fischers "persönlichen Fußtritten" so gekränkt, dass er ihm einen wütenden offenen Brief schrieb, in dem er Fischer unabsichtlich auch noch recht gab: "Wir Studenten der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten andere Sorgen, als uns um Details der Vita der Professoren zu kümmern." Aber auch Richter, die Fischer schätzen, fragten sich, ob es wirklich nötig war, alten Herren die Maske vom Gesicht zu reißen.

Andererseits handelte es sich bei den Kritisierten keineswegs um Schwache und Benachteiligte, sondern um führende Universitätsjuristen mit einer Vorbildfunktion für ganze Generationen junger Richter und Rechtsanwälte. Von ihrem Rückblick auf viele Jahrzehnte deutscher Rechtsgeschichte – unter anderem in einem Unrechtsstaat und einer jungen Demokratie – darf der Leser mehr erwarten als eine Sammlung harmloser Anekdoten im Abendsonnenschein. Fischers Aufsatz zeigt jedenfalls, wie sehr der Autor sich dem Anstand verpflichtet fühlt.

Der Aufsatz könnte den Präsidenten Tolksdorf in seiner unversöhnlichen Haltung gegen Fischer bestärkt haben. Dabei hatte er ursprünglich ganz anders gedacht: Laut einer früheren dienstlichen Beurteilung war der BGH-Präsident dem Bundesrichter Fischer am 15. Februar 2008 noch überaus gewogen. Damals malte Tolksdorf das Idealbild des Vorsitzenden eines Strafsenats: Fischer strahle eine derartige "Souveränität und natürliche Autorität" aus, dass "seine Fähigkeit zur Leitung eines Senats außer Frage" stehe, heißt es da. Fischer sei ein Richter, der durch seine Eigenschaften aus dem sehr kleinen Kreis der für ein solches Amt überhaupt infrage kommenden Kollegen "herausragt", weshalb er "besonders geeignet" sei.

Zwei Jahre später, am 16. März 2010, gerät die nächste Beurteilung Fischers dem Präsidenten abermals zur Hymne. Wieder adelt er den Richter mit der Spitzennote "besonders geeignet" und begründet diese unter anderem so: "Mit seinen – auch das Ansehen des Bundesgerichtshofs fördernden – inhaltlich wie sprachlich stets brillanten Veröffentlichungen nimmt Prof. Dr. Fischer Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion grundlegender Fragen des Straf- und Strafprozessrechts wie kein anderes Mitglied der Strafsenate."

Nun muss man wissen, dass Fischer den Bundesgerichtshof nach außen womöglich in höherem Maße repräsentiert als der Präsident selbst. Seit den Neunzigern schreibt Fischer einmal im Jahr den am weitesten verbreiteten Kommentar zum Strafgesetzbuch fort, einen 2500 Seiten starken Wälzer namens Beck’sche Kurz-Kommentare, der zum Handwerkszeug eines jeden Strafrichters, Staatsanwalts, Verteidigers gehört. Darin stellt er die höchstrichterliche Rechtsprechung und die Auffassung der Rechtslehre zu den Fragen dar, die von den einzelnen Paragrafen aufgeworfen werden. Und er hält sich auch hier mit dem eigenen Standpunkt nicht zurück. Die meisten Benutzer dürften sich inzwischen auf einen Blick in Fischers umfassenden Kommentar beschränken und sich gar nicht erst die Mühe machen, die zitierten Fundstellen im Original einzusehen. Daher ist der Einfluss dieses Bundesrichters auf die Alltagspraxis in den Gerichten nicht hoch genug einzuschätzen.

Hinzu kommt, dass Fischer auf Symposien zu grundlegenden Rechtsfragen zum Publikumsmagneten geworden ist, der den Diskurs mit Richtern, Wissenschaftlern und Verteidigern sucht und keinem Streit aus dem Weg geht. Die als dröge und blutleer geltende Rechtswissenschaft wird plötzlich lebendig, wenn Fischer sie präsentiert.

Sosehr der BGH-Präsident noch bis vor Kurzem Fischers Stareigenschaften gepriesen hat, inzwischen tut sich Tolksdorf schwer mit dessen offensiver Wirkung. Seine jüngste dienstliche Beurteilung vom 25. Februar 2011 fiel plötzlich für den Kandidaten verheerend aus. Er könne an seiner früheren, äußerst positiven Einschätzung nicht uneingeschränkt festhalten, schreibt Tolksdorf jetzt. Denn Fischer scheine "gelegentlich in Gefahr, die Grenzen der Zurückhaltung aus den Augen zu verlieren, die sich ein Richter des Bundesgerichtshofs bei der Teilnahme an öffentlichen Diskussionen auferlegen sollte". Außerdem erscheinen dem Präsidenten die Fischerschen Nebentätigkeiten – Autorenschaften, Vorträge, Lehraufträge – auf einmal als zu zeitraubend, um auch noch den Anforderungen an den Vorsitz gerecht zu werden. Im Übrigen hätten sich seit September 2009 gleich drei Richter aus dem 2. Strafsenat versetzen lassen. Ihren Senatswechsel hätten sie vor allem damit begründet, dass sie sich eine reibungslose Zusammenarbeit mit einem Vorsitzenden Fischer nicht vorstellen könnten. Dies schüre Zweifel an der persönlichen Eignung des Kandidaten.

Die zwischen den Prozessbeteiligten ausgetauschten Schriftsätze lesen sich mittlerweile wie eine Dokumentation über das komplizierte Innenleben des BGH und den Umgang der Revisionsrichter miteinander.

Revisionsrichter werden nicht eingestellt wie Arbeitnehmer, sie werden regelmäßig aus allen 16 Bundesländern vorgeschlagen und von einem 32-köpfigen Richterwahlausschuss bestimmt, der sich je zur Hälfte aus Mitgliedern des Bundestages und der Landesjustizministerien zusammensetzt. Die Richter stammen aus allen Teilen der Republik und bleiben bis zu ihrer Pensionierung am Bundesgerichtshof. Ein BGH-Senat besteht also aus einem durch fremden Willen zusammengezwungenen siebenköpfigen Gremium meist über 50-jähriger, hoch qualifizierter und manchmal hochempfindlicher Richter, Oberlandesrichter und Ministerialbeamter mit erheblich divergierender Weltsicht.

Da bleibt es nicht aus, dass manche Mitglieder eines Senates mit der Zeit eine herzliche Abneigung gegeneinander fassen. Trotzdem muss sich der sogenannte Spruchkörper jede Woche zu einstimmigen Entscheidungen durchringen, die von je fünf der sieben Senatsmitglieder in wechselnder Besetzung im Beratungszimmer ausgefochten werden: So ist es, wenn der Senat über eine Revision durch Beschluss befindet, was in über 90 Prozent der Fälle geschieht. Manchmal zieht sich der Streit über Tage hin. Einem dünnhäutigeren Richter kann seine Kollegenschaft da rasch wie eine Versuchsanordnung vorkommen, bei der die eigene Leidensfähigkeit bis an die Grenzen getestet wird.