In einem Nebensatz räumt die Staatschefin ein, dass ihre Erfolge ohne den massiven Beistand der Weltgemeinschaft nicht möglich gewesen wären. Westliche Staaten, allen voran die USA, unterstützen ihre Regierung mit großzügiger finanzieller und technischer Hilfe, 8000 Blauhelme der Vereinten Nationen sichern den fragilen Frieden. Liberia sei ein wichtiger Test für den Wiederaufbau eines afrikanischen Nachkriegslandes, verkünden die Geber. Scheitert die Mission, wäre das ein Rückschlag für den ganzen Kontinent.

Befragt nach den schwersten Versäumnissen in ihrer ersten Amtszeit, lässt sich Johnson Sirleaf mit der Antwort Zeit. Von Versäumnissen, sagt sie, wolle sie nicht reden, sondern von Unzulänglichkeiten. "Meine größte Sorge sind die arbeitslosen jungen Männer, ehemalige Kindersoldaten und Rebellen, die für sich keine Zukunft sehen." Die Exkrieger bilden ein gefährliches Gewaltpotenzial, viele bewundern nach wie vor den gestürzten Präsidenten und Warlord Charles Taylor , der vom Weltstrafgericht in Den Haag wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen angeklagt wurde. Dem Tag, an dem das Urteil verkündet wird, sieht Johnson Sirleaf mit großem Unbehagen entgegen: "Sollte Taylor nach Liberia zurückkehren, könnte er viel Schaden anrichten."

Während ihrer Zeit im Exil in den USA hatte Johnson Sirleaf für Taylors Feldzug gegen den Diktator Doe Spenden gesammelt, "das war die größte Verirrung meines Lebens". Die Versöhnungskommission empfahl, die Präsidentin für 30 Jahre von allen Staatsämtern auszuschließen. In ihren Augen kam das einer Majestätsbeleidigung gleich. Hart war das Urteil allemal, denn der anfangs noch unbescholtene Befreiungskämpfer Taylor wurde seinerzeit von allen Demokraten hofiert.

Fest steht, dass Johnson Sirleaf nicht die unfehlbare, volksnahe Heilige ist, für die sie ihre Fans halten. Aber gerade ihr starkes Ego und der Glaube an ihre Vision von einem aufblühenden Liberia verleihen ihr eine unerschütterliche Gelassenheit. Nur einmal während unseres Gesprächs reagiert sie unwirsch und weist das Urteil skeptischer Beobachter, die Liberia nach wie vor für einen gescheiterten Staat halten, zurück. "Ich widerspreche ganz entschieden", ruft sie, es klingt wie eine Beschwörung: "Liberia war ein gescheiterter Staat. Jetzt sind wir ein erfolgreiches Entwicklungsland, das mit Ressourcen wie Eisenerz, Gold, Öl, Tropenholz und Kautschuk gesegnet ist!" Sie ist stolz darauf, eine Reihe von kapitalkräftigen Anlegern ins Land gelockt zu haben, zum Beispiel ArcelorMittal aus Indien, den größten Stahlkonzern der Welt. "Die Neuinvestitionen belaufen sich auf insgesamt 16 Milliarden Dollar", rechnet sie vor. Eine gewaltige Summe, die Wachstum und Arbeitsplätze bringen soll. Entscheidend wird sein, ob die Gewinne im Korruptionssumpf versickern oder dem Gemeinwohl zugutekommen. Letzteres will Johnson Sirleaf durch eine streng kontrollierte und transparente Rohstoffbewirtschaftung sicherstellen: Liberia hat als erstes Land Afrikas eine entsprechende Selbstverpflichtung unterzeichnet.

Frauen, davon ist Johnson Sirleaf überzeugt, seien die besseren Politiker: "Sie sind ehrlicher, engagierter, und sie haben mütterliches Gespür", erklärt sie, selbst Mutter von vier Kindern. Seltsam nur, dass an den wichtigen Schaltstellen ihrer Regierung nach wie vor Männer sitzen. Die Frauen tragen die Hauptlast des Wiederaufbaus; sie werden trotzdem wieder für sie stimmen, Johnson Sirleaf hat ihr Selbstwertgefühl gestärkt. Die Erwartungen sind hoch, überall in Liberia sieht man die Verwüstungen des Krieges, es fehlt an Straßen und Brücken, Strom und Wasser, Schulen, Kliniken und menschenwürdigen Wohnhäusern.

Johnson Sirleaf arbeitet hart, sie ist kompetent, eigensinnig und autoritär. Es gibt keine Alternative zu ihr, und wen immer man in den Straßen der Hauptstadt Monrovia fragt, die Antwort ist stets die Gleiche: "Wir wählen Ma Ellen! Wen sonst?" "Wir können ohne Angst einschlafen, und unsere Kinder gehen wieder in die Schule", sagt eine Besenverkäuferin. Sicherheit und neue Hoffnung – das sind vermutlich die größten Errungenschaften in einer tief verwundeten Gesellschaft.