Es scheint, als hätten viele arbeitslose Hartz-IV-Empfänger mit persönlichen, familiären oder gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. In der Statistik der Bundesagentur für Arbeit wird diese Gruppe "die Entmutigten" genannt. Sie sind laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung nicht unmittelbar arbeitsfähig. "Multiple Vermittlungshemmnisse" heißt das in der Amtssprache. In der Studie wird empfohlen, die Betreuung der Entmutigten zu verbessern. Es solle stärker auf ihre individuelle Situation eingegangen werden, auf ihre gesundheitlichen oder familiären Probleme. Ich denke, so eine Beratung hätten auch meine Mutter und mein Vater gut gebrauchen können.

Meine Eltern sind ungewollte Nachkriegskinder, beide waren im Heim, sind ohne Vater aufgewachsen, ohne warmes Familiennest – sie gehören zu einer Generation, die mit ihrer Verlorenheit bereits Bücher füllt. Ob sich diese Verlorenheit vererben kann? Obwohl manche meiner Verwandten viele Jahre im selben Bezirk wohnten wie ich, sind sie für mich wie Fremde geblieben. Das hat mich und meine Eltern aber nicht zusammengeschweißt. Mein Vater und ich hatten jahrelang keinen Kontakt. Gegen den Willen meiner Mutter bin ich mit 17 ausgezogen. So weit weg, wie ich konnte. Damit das alles nicht zu traurig klingt, muss ich noch hinzufügen, dass ich nach drei Jahren zurückgekommen bin und dass meine Familie mir heute – ich bin jetzt 32 – viel bedeutet. Trotz allem bin ich stolz auf meine Eltern. Ich würde sie immer verteidigen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich besonders geduldig mit ihnen umgehe, wenn andere dabei sind. Es ist mir wichtig, dass andere sehen, wie sehr sie respektiert werden – von mir.

Doch, einen Punkt gibt es, in dem wir dem Klischee entsprachen. Diesen habe ich, zum Glück, erst später verstanden: Ich wusste immer, dass mein Vater schlecht einschlafen konnte und abends Wein oder Bier trank, bis er müde war. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, dass er Alkoholiker sein könnte. Er war nie betrunken in meiner Gegenwart. Dass ich als Kind auch deshalb oft vergeblich auf seine Besuche gewartet habe, weil er einen Kater hatte, wurde mir erst später klar. Als ich 29 war, lag er nach einem Unfall einige Monate im Krankenhaus. Ich habe mich um alles gekümmert. Damals fand ich in seiner Wohnung Notizbücher, in denen er akribisch dokumentiert hatte, wie viele Gläser Prosecco er pro Tag getrunken hatte. In manchen Dingen ist er sehr korrekt. Erst in diesem Moment ist mir bewusst geworden, dass mein Vater viele Jahre lang ein Alkoholproblem hatte. Regelmäßig kleine Mengen, alleine zu Hause. Er habe sich wegträumen wollen, ganz früher habe das auch noch geklappt, hat er mir erzählt. "Es schmeckt mir nicht mehr", sagt er jetzt.

Im Krankenhaus fragte mich eine Ärztin nach seinem Alkoholkonsum: ob das wirklich Vergangenheit sei? Ich weiß noch, wie sie mich ansah: mit so einer Mischung aus Mitleid und Respekt. Erst war es irgendwie angenehm, dann sträubte sich etwas in mir. Ich will mich nicht als Opfer sehen und meinen Vater als bedauernswert. Ich will, wie jedes Kind, meinen Vater lieben und respektieren. Dahin zu kommen war nicht einfach. Er schläft noch heute mit dem Plüschstern in der Hand ein, den ich ihm geschenkt habe, als er nach der Operation bewegungslos im Krankenhaus lag.

Das ist vielleicht das Schwierigste daran, ein Kind von Beitragsempfängern zu sein: dass man seine Eltern hilflos und gedemütigt erlebt. Es ist schwer, jemanden als Vorbild zu sehen, auf den man sich nicht verlassen kann, der sich selbst als "ollen Knacker" beschreibt, auch wenn er dabei lacht. Ebenso schwer ist es, sich in der Welt einen Platz zu schaffen, wenn diejenigen, die dir zeigen sollen, wie das geht, selbst keinen Platz haben. Als ich das erste Mal mit meiner alleinerziehenden Mutter auf dem Amt saß, auf einer Steinbank in einer Steinhalle, war ich keine drei Jahre alt. Es gab keine Ecke, in der ich hätte spielen können, meine Mutter weinte. Einmal wurde sie während eines Praktikums, das Teil einer Weiterbildungsmaßnahme war, von der Chefin gefragt, ob sie das Alphabet könne. Das hat sie mir erst Wochen später erzählt. Meine empörte Frage, ob sie nicht etwas gegen diese Frau unternehmen wolle, war ihr unangenehm. "Nein, da kann man nichts machen. Sonst gibt es nur noch mehr Ärger", sagte sie. "Irgendwann finde ich einen Weg, dich zu rächen", dachte ich wütend und stellte mir vor, wie ich auf dem Amt die Schreibtische umwerfe.