Eigentlich wäre es ein ruhiges Wochenende gewesen im beschaulichen niedersächsischen Kurort Bad Harzburg. Doch am 10. und 11. Oktober 1931 wird die herbstliche Stille jäh unterbrochen, denn in dem Städtchen am Harz trifft sich die »nationale Opposition« zu einer Heerschau. Sonderzüge, Busse und Autos bringen Tausende von Menschen herbei. Für zwei Tage beherrschen die uniformierten Kolonnen des Stahlhelms – das ist der Bund der Frontsoldaten – und der SA das Straßenbild. Es wird ein internationales Ereignis: Über fünfzig in- und ausländische Reporter sind angereist. Eifrige Helfer haben dafür gesorgt, dass die Gäste überall von schwarz-weiß-roten Fahnen, den alten Farben des Kaiserreichs , und Hakenkreuzflaggen begrüßt werden.

Bad Harzburg hat man bewusst als Ort gewählt. Denn im Freistaat Braunschweig, zu dem es gehört, regiert seit Oktober 1930 eine Koalition aus der Bürgerlichen Einheitsliste (angeführt von der DNVP, der Deutschnationalen Volkspartei) und der NSDAP . Initiator des Treffens aber ist der 66-jährige Pressezar Alfred Hugenberg, seit 1928 Vorsitzender der DNVP. Zu seinem Imperium gehört nicht nur der Berliner Scherl-Verlag, sondern eine Vielzahl weiterer Unternehmen, von der Nachrichtenagentur Telegraphen-Union bis zur Universum Film AG, der Ufa. Über seine Materndienste beliefert er die Provinzpresse mit fertigen Zeitungsseiten und übt so Einfluss auch auf solche Blätter aus, die nicht Teil seines Konzerns sind.

Mit ihrer Kundgebung in Harzburg will die »nationale Opposition« ihre Stärke und Geschlossenheit demonstrieren. Und sie will, wie das Zentralorgan der DNVP Unsere Partei unverhüllt verkündet, »das Signal zum Angriff« geben »gegen ein morsch gewordenes System«, gegen die verhasste Demokratie von Weimar .

Die gesamte Prominenz der antirepublikanischen Rechten hat sich eingefunden: Hugenberg und Hitler mit den Reichstagsfraktionen von DNVP und NSDAP; Franz Seldte und Theodor Duesterberg, die beiden Bundesführer des Stahlhelms, mitsamt ihrem Stab; der SA-Stabschef Ernst Röhm und der Reichsführer-SS Heinrich Himmler ; die Vereinigten Vaterländischen Verbände mit Rüdiger Graf von der Goltz und der Alldeutsche Verband mit Justizrat Heinrich Claß an der Spitze; Repräsentanten des Hochadels, unter ihnen der zweite Sohn Kaiser Wilhelms II., Prinz Eitel Friedrich (Prinz August Wilhelm, der vierte Kaisersohn, NSDAP-Mitglied und bald auch SA-Standartenführer, ist diesmal allerdings nicht mit von der Partie); hochrangige Militärs wie der ehemalige Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt, inzwischen Reichstagsabgeordneter der Deutschen Volkspartei. Anwesend sind auch Eberhard Graf von Kalckreuth und der gesamte Vorstand des Reichslandbundes, der mächtigen agrarischen Lobbyorganisation, sowie Exponenten von Industrie und Banken, darunter der Stahlkönig Fritz Thyssen, ein früher Förderer Hitlers, sowie der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der mit seinem Auftritt in Bad Harzburg seinen politischen Frontwechsel zu den Nationalsozialisten erstmals auch öffentlich zu erkennen gibt. Die Großindustrie ist allerdings nur schwach vertreten; sie verhält sich noch abwartend.

Bad Harzburg war nicht der erste Versuch Hugenbergs, die rechte Opposition zu sammeln. Bereits im Juli 1929 hatte er gegen den sogenannten Young-Plan mobilgemacht. Das nach Owen Young, dem Direktor der Federal Reserve Bank in New York, benannte Abkommen regelte die Reparationszahlungen neu, zu denen sich Deutschland im Versailler Vertrag verpflichtet hatte. Der Kampf dagegen einte die Rechte. So gab es einen von Hugenberg initiierten »Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan«, in dem bereits die meisten der Persönlichkeiten und Gruppierungen vertreten waren, die sich in Bad Harzburg treffen sollten. Darunter war natürlich auch Hitler, der Vorsitzende der damals noch unbedeutenden NSDAP, die es bei den Reichstagswahlen von 1928 gerade einmal auf 2,6 Prozent gebracht hatte. Zwar endete die Kampagne mit einem Fehlschlag – der Volksentscheid vom Dezember 1929 verfehlte die notwendige Mehrheit bei Weitem –, doch für Hitler hatte sich der Einsatz gelohnt. Er war in rechtskonservativen Kreisen salonfähig geworden, und er hatte dank der Hugenberg-Presse seinen Namen in jedem Winkel der Republik bekannt gemacht.