ZEIT: Ein aristotelischer Euro-Rettungsschirm ?

Godard: Warum nicht? Man vergisst immer, dass die griechische Demokratie als soziales und politisches System im gleichen Moment erfunden wurde wie die Tragödie. Jedes Mal, wenn man heute das Wort Tragödie ausspricht, sollte man zur gleichen Zeit das Wort Demokratie aussprechen, und umgekehrt. Der Beweis für diese Verbindung ist das, was heute in Griechenland geschieht. Man spricht von der Tragödie der griechischen Schulden, aber es lag von Anbeginn etwas Tragisches in der Erfindung der Demokratie und etwas Demokratisches in der Erfindung der Tragödie.

ZEIT: Was ist das Tragische an der Demokratie?

Godard: Schauen Sie sich die Tagesschau an.

ZEIT: Und was bleibt vom kulturellen Europa?

Godard: Es wurde von Anfang an beiseite gelassen. Europa wurde aus Stahl und aus Kohle gemacht und dann aus Geld. Denn das moderne Europa war eine Folge des Krieges, und das ist wie die Folge einer Krankheit. Ich erinnere mich an einen Satz von Truman auf der Potsdamer Konferenz kurz nach dem Krieg. Er hat gesagt, ohne dass ihm klar war, was er da sagte, aber vielleicht war es ihm auch klar: "Wir werden den Frieden genauso machen, wie wir den Krieg gemacht haben."

ZEIT: Sie haben mal gesagt, eine Geschichte brauche einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. In welchem Stadium unserer Geschichte des Kapitalismus befinden wir uns?

Godard: Es ist nicht das Ende und auch kein Neuanfang. Es geht einfach so weiter! Auf andere Weise.

ZEIT: Was hat sich verändert?

Godard: Wir sind sehr dominiert von dem, was man schlicht die Technologie nennen könnte. Ich habe kein Mobiltelefon. Die Leute glauben die Tasten oder das Display ihres Telefons zu beherrschen. Es sind aber die Tasten, die uns beherrschen (tippt auf sein altes Telefon). Wenn ich auf diesem alten Apparat eine Nummer wähle, habe ich nicht das Gefühl, dass er mich beherrscht. Vielleicht ein bisschen. Aber ich fühle mich nicht gezwungen, dabei auf dem Ding entlangzustreichen. Das ist die gleiche Beziehung wie zwischen einem Hund und seinem Herrchen, die eine Leine zwischen sich haben. In dieser Beziehung gibt es zwei Herren oder zwei Sklaven. In jedem Fall beherrscht der Hund seinen Herrn genauso wie dieser umgekehrt ihn. Das gilt auch für Flugzeuge, Autos, für alles. Manchmal scheint mir die Technik obszön.

ZEIT: In welchem Sinne?

Godard: Im wörtlichen Sinne. Es kommt mir obszön vor, wenn Menschen jederzeit erreichbar sind. Wenn ich mich sofort an die Stimme des anderen anschließen kann. Es ist nicht richtig. Es stört mich. Es scheint mir obszön, dass es keines Weges, keinerlei Anstrengung bedarf, um mit jemandem zu kommunizieren. Es gibt nur noch den Umweg über die Droge, über kleine Maschinen, die uns mit ihren Stimmchen anpflaumen: "Los, kommuniziere!"

ZEIT: Ist das gegenwärtige Stadium des Kapitalismus für Sie eine rein technologische Frage? Jenseits von Zusammenbrüchen und Wirtschaftskrisen?

Godard: Oswald Spengler, der etwas reaktionäre deutsche Philosoph, hat schon 1918 vom "Untergang des Abendlandes" gesprochen. Das deutsche Wort Abendland ist übrigens viel schöner als das französische Wort occident. Spengler schrieb von der Tyrannei der Technik zu einer Zeit, als man sich noch gar nicht vorstellen konnte, was das bedeuten könnte. Ich stelle nur fest, dass es eine Art dumpfes Unbehagen gibt angesichts der Dominanz der Technologie. Vielleicht fahren die Leute deshalb auf solche Kreuzfahrten. Weil sie sich ein bisschen beschützt fühlen. Weil sie in den Ferien nicht nachdenken müssen. Aber Ferien sind heute nicht Ferien. Das französische Wort für Ferien, vacances, kommt von Vakanz, von einer Leere. Aber heute sind Ferien eher ein Zu-voll-Sein.

ZEIT: Die Menschen konnten sich noch nie von der Technik emanzipieren.

Godard: Sie hätten es gekonnt, aber sie wollten es nicht. Dabei kann man Prozesse kritisch betrachten und verlangsamen. Hier, in der Nähe von Genf, gibt es einen Teilchenbeschleuniger, ein riesiges Ding, das viele Millionen Franken im Jahr kostet. Man könnte sagen: Das reicht uns erst einmal, jetzt investieren wir das Geld mal woanders. Man könnte. Es gibt einen Satz von Dostojewskij, der mir im Kopf herumgeht: "Jeder kann es so einrichten, dass es keinen Gott gibt." Aber keiner tut es.