ZEIT: Sie haben mit Ihrem Kino immer wieder versucht, etwas zu tun. Deutschland (Neun) Null , ihr 1991 entstandener Filmessay zur Wiedervereinigung, war eine prophetische Warnung vor einem Kapitalismus, der keine Skrupel und keine Feinde mehr hat.

Godard: Der Kapitalismus hat einfach nur den Feind gewechselt. Nordamerika kann gar nicht anders. Es braucht eine Art finanziellen Bürgerkrieg oder einen Kampf der Kulturen, was auch immer. Ein System, das mit sich selbst nicht im Reinen ist, wird sich immer äußere Feinde suchen.

ZEIT: War der Kommunismus eine notwendige Fessel des Kapitalismus?

Godard: Ich glaube nicht, dass man überhaupt von Kommunismus sprechen kann, sondern von dem, was bestimmte Länder daraus gemacht haben. Das gilt auch für den Kapitalismus. Schon Marx hat das Kapital so untersucht, wie es von bestimmten Leuten geformt oder auch deformiert wurde. Ich kann Ihnen Geld leihen. Aber meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten, Ihnen Geld zu leihen und Zinsen einzunehmen, wäre etwas anderes. Ich könnte Ihnen Geld leihen, aber dann aus einer Idee der Brüderlichkeit.

ZEIT: Wie viel?

Godard: Pardon? Ach so, ja, nicht viel, aber immerhin. Ich würde daraus aber kein Lebensprinzip machen. Ich frage mich gerade, was die Schweizer Großbanken von der Idee der Brüderlichkeit halten würden.

ZEIT: Stört es Sie, dass der Kapitalismus fast nur ökonomisch und nicht kulturell kritisiert wird?

Godard: Es gibt schon eine kulturelle Kritik des Kapitalismus, aber sie bleibt meistens Schrift, Literatur, écriture. Man reiht einen Satz an den nächsten, aber es entsteht keine Vision daraus. Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.

ZEIT: Bei der Verleihung des Adorno-Preises haben Sie gesagt: "Im großen Kampf zwischen den Augen und der Sprache hat der Blick die größere analytische Kraft."

Godard: So ist es. Das heißt auch: die Montage.

ZEIT: Was genau entsteht durch den Zusammenprall verschiedener Bildausschnitte?

Godard: Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.

ZEIT: Ist die Montage das bessere Mittel zur Analyse von Geschichte als die Sprache?

Godard: Ja. Weil die Montage der Bilder die Linearität der Geschichte, die Linearität des Denkens und der Schrift durchbrechen kann.

ZEIT: In Ihren neuen Film montieren Sie immer wieder Aufnahmen des Meeres. Das wirkt, als ob sich in diesem schwimmenden Konsumalbtraum ein Fenster öffnet.

Godard: Ich weiß nicht, ob das eine Utopie ist, eine Kritik oder einfach nur ein Blick von der Reling. Das ist das Gute an der Montage: Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden.

ZEIT: Sie haben in Ihren Filmen immer wieder den Kapitalismus reflektiert. In Die Verachtung als korrumpierende Abhängigkeit des Autors von seinem Produzenten.

Godard: Es schien mir einfach logisch, Fritz Lang in der Rolle des Regisseurs dieses Brecht-Zitat in den Mund zu legen: "Jeden Morgen gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden."

ZEIT: Am Anfang, wenn Brigitte Bardot nackt mit Michel Piccoli auf dem Bett liegt und fragend ihren Körper fragmentiert, da scheint schon das Objekt, die Ware auf, zu der Piccoli sie später machen wird.

Godard: In jedem Fall ist das das Bild, das die Leute von Die Verachtung in Erinnerung behalten.

ZEIT: Stört Sie das?

Godard: Nein, es ist ja schon was, wenn man sich überhaupt an ein Bild erinnert.