Lana Del Rey heißt in Wirklichkeit Elisabeth "Lizzy" Grant, als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers ist sie im idyllischen Wintersport-Ort Lake Placid aufgewachsen. Im Moment sitzt sie auf der Dachterrasse eines schicken New Yorker Privat-Clubs und sieht aus, als käme sie direkt vom Set eines alten Elvis-Presley-Films. Die rotblonden Haare fallen in perfekten Kurven über die Schultern, die Wimpern sind lang und Mascara-schwarz, selbst die umstrittenen Lippen wirken einfach nur... voll. Weltgewandt bittet sie den Kellner um ein paar Oliven zu ihrem Drink und zündet sich dann so selbstverständlich eine Zigarette an, als sei sie die junge Lana Turner und es gäbe in New York kein Rauchverbot. Nein, dies ist kein normales Interview, eher die Inszenierung eines Rendezvous mit einem Hollywoodstar. "Ich habe das alles nicht geplant, es gibt keinen Masterplan zu der überraschenden Resonanz auf YouTube", behauptet sie. "Meine Videos habe ich schon immer selbst produziert, mit iMovie auf meinem Notebook. Niemand schaute sich das an. Als Video Games plötzlich 20.000 und mehr Klicks am Tag bekam, hat mich das enorm verunsichert und irritiert."

Das großartige Video zum Song ist ein sepiafarbener Traum, der an David Lynchs Tauchfahrten durch das Unterbewusstsein Amerikas erinnert: Teenager springen ausgelassen in einen Pool, Starlets stolpern betrunken kichernd über einen roten Teppich, die Lichter des alten Hollywood illuminieren eine scheinbar bessere Welt. Nur die amerikanische Fahne hängt seltsam erschöpft am Mast, als wollte dieses Video sagen: Das Beste ist längst vorbei, und die meisten von uns haben es verpasst.

"In den fünfziger und sechziger Jahren war Pop so brandneu und leuchtend", sagt Lana Del Rey. Und weil auf der Musikanlage im Hintergrund gerade I’m On Fire läuft, ergänzt sie: "Bruce Springsteen war ebenfalls eine wunderbare Variation des Amerikanischen Traums. Doch inzwischen scheint dieses Imperium vor seinem Ende zu stehen. Es gibt nicht mehr so viel Hoffnung und Optimismus. Die Popmusik reagiert darauf, indem sie die dunkle Seite des Traums erkundet." Lana Del Rey findet diese dunkle Seite nicht unbedingt attraktiv, auch wenn sie den Rapper Tyler, The Creator mag und dessen suburbane Albtraum-Szenarien. Sie hängt zu sehr an den alten Glücksversprechen, ist eine konservative Romantikerin. Den an ein schweres, etwas zu süßes Parfüm erinnernden Künstlernamen hat sie sich zusammen mit ihrem ersten Manager ausgedacht: "Lana Del Rey gibt eine Richtung vor und definiert meine Musik, seit ich mit 19 bei einem kleinen New Yorker Independent Label unterschrieben habe." Zusammen mit dem namhaften Produzenten David Kahne – ein Grammy-Preisträger, der vorher mit Paul McCartney, Tony Bennett, Stevie Nicks und den Strokes zusammenarbeitete – entstand 2008 das Debüt Lana Del Rey a.k.a. Lizzy Grant.


Das Album wirkt wie eine hochkarätige Fingerübung. Kill Kill, Yayo oder Gramma besitzen zwar noch die Niedlichkeit des Indie-Pop, doch schon hier werden die Pop-Mythen Amerikas beschworen, als sei es das letzte Mal. Brite Lites – ein überraschender House-Track – inszeniert die aggressive Sehnsucht einer suburbanen Hausfrau nach einem Leben wie in den Magazinen, die beim Friseur ausliegen: "I’m taking off my wedding ring. Give me the bright lights". Doch nur drei Monate, nachdem es in den Handel gekommen war, verschwand das Album wieder vom Markt. "Wir haben uns mit dem alten Label vertraglich darauf geeinigt, besser etwas Neues, Frisches zu beginnen", sagt Ben Mawson, der Anwalt und Manager.

Das neue Management und die neue Plattenfirma haben die Sängerin davon überzeugt, dass sie genug Potenzial hat, um zukünftig in einer anderen, viel größeren Liga zu spielen. Die nächsten Monate werden darüber entscheiden ob der Plan aufgeht. Sicher ist: So tröstlich klang der Abschied von der Ära des Wachstums nie. Sicher ist auch, dass die Reaktion der Facebook-Gemeinde auf die Ankündigung einer kurzen Welt-Tournee, die Lana Del Rey im November auch nach Köln und Berlin führen wird, Anlass zu großen Erwartungen gibt: "Ich versuche, Tickets zu bekommen, für jedes Konzert in Europa. Egal, wie weit ich reisen muss und wie lang es dauert", schreibt ein junger Schweizer. Er wird schnell sein müssen. Ein für Anfang Oktober angekündigtes Konzert in London war in 30 Minuten ausverkauft.