Das Kind hält sich die Ohren zu. Im Hintergrund liegt die tote Mutter, und das Mädchen, das sich abwendet, presst seine Hände an den Kopf, als könnte es damit die Welt aus seinem Bewusstsein verbannen. Edvard Munch war fünf Jahre alt, als seine Mutter an Tuberkulose starb. Neun Jahre später starb seine ältere Schwester Sophie. Laura, eine weitere Schwester, wurde depressiv. Das Kind und der Tod von 1899 ist nur eines in einer ganzen Reihe von Bildern, mit denen Munch die traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit zu verarbeiten suchte. Dass das Gemälde ein Geheimnis barg, erwies sich erst nach mehr als hundert Jahren. Restauratoren der Kunsthalle Bremen untersuchten 2005 das Gemälde mit einem Röntgengerät und entdeckten dabei, dass sich unter der Leinwand eine zweite verbarg – mit einem unbekannten, geradezu gruseligen Werk. Es zeigt ein nacktes Mädchen, das mit schaurigen Männerfratzen konfrontiert wird.

Der spektakuläre Fund ist Anlass für eine Ausstellung ab Mitte Oktober in der Kunsthalle Bremen . Warum Edvard Munch das Bild hinter einem anderen versteckt hat, bleibt jedoch rätselhaft, wie so vieles im Leben und Werk jenes Malers, der die Verzweiflung und das Dahingehen zu seinen Leitmotiven erkor. Wer war dieser Sonderling, der für seine düsteren Motive so sparsame Ausdrucksmittel fand, dass Zeitgenossen meinten, sie hätten es mit Entwürfen zu tun? Wo kommt einer her, der seinen Bildern Titel wie Melancholie, Angst, Trauer oder Verzweiflung gibt und von sich selbst sagt: "Die Lebensangst hat mich begleitet, solange ich mich erinnern kann"?

Wer sich auf Munchs Spuren begeben will, muss nach Oslo reisen, hier hat der Künstler seine eindrücklichsten Erfahrungen gemacht. In jener Stadt, die damals Christiania hieß, hat er seine Kindheit verbracht, die ersten Bilder gemalt, erste Ausstellungen gehabt. Hier erlebte er eine Reihe unglücklicher Liebesbeziehungen. Und obwohl er seine größten Erfolge zunächst in Berlin hatte, waren es doch Oslo und sein Umland, wo er die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.

Munch war ein Jahr alt, als sein Vater 1864 von der Küste in die norwegische Hauptstadt zog, um eine Stelle als Militärarzt anzutreten. Man zog in die Nedre Slottsgate 9, damals wie heute eine unspektakuläre Straße im Zentrum. Hierher kommt man, wenn man sich die Dauerwellen auffrischen lassen oder ein Paar bequeme Schuhe kaufen will. Das Haus der Munchs ist einem gesichtslosen Neubau gewichen, in dem ein Geschäft namens Kreativ Flora Orchideen und Erika offeriert. Auch die weiteren Wohnadressen der Familie kann man sich sparen. Nirgends stößt man auf geschichtsträchtige Fassaden, erläuternde Tafeln oder gar Besichtigungsmöglichkeiten. Es scheint, als mache man in Oslo wenig Aufhebens um Munch. Eine späte Bestätigung für den Künstler, der sich zu Lebzeiten von seinen Landsleuten verkannt fühlte. Statuen berühmter Bürger stehen in der Stadt überall herum, eine Munch-Büste findet man bloß auf dem Friedhof.

Neben dem Geldautomaten hängt ein goldgerahmtes Munch-Original

Auf der Suche nach einem Supermarkt gelangen wir zufällig in die winzige Munch Gate. Dass man ausgerechnet eine zugige Gasse mit bedrückender Parkhausarchitektur nach ihm benannt hat, passt bei genauer Betrachtung ganz gut. Hier lässt sich das beklemmende Gefühl seiner Bilder intensiv erleben. Genauso wie im Paléet Shopping, einer Einkaufspassage auf der Hauptflaniermeile Karl Johans Gate. Eine edel gemeinte Architektur aus grauen Marmorwänden trübt die Stimmung. Zwischen einem Schreibwarenladen und einem Bankautomaten hängt eine gekritzelte Straßenansicht, die man im ersten Moment für Bleistift-Werbung hält. Es ist ein Munch-Original im Goldrahmen, sehr ungünstig platziert. Der Herr, der gerade seine Girokarte in den Schlitz des Geldautomaten schiebt, blickt indigniert in unsere Richtung. Wahrscheinlich glaubt er, dass unsere Aufmerksamkeit seinem Pin-Code gilt.