Zuerst hört man die Trommeln, dumpf schlagen sie zwischen den dunklen Bürotürmen im Finanzdistrikt an der Südspitze Manhattans. Es ist 10 Uhr morgens, außer den bärtigen Trommlern mit ihren Alpakamützen sind noch nicht viele wach. Unter blauen Zeltplanen zeichnen sich die Körper der Schlafenden ab. Hunderte, vielleicht mehr, nächtigen zwischen den Blumenkübeln und den schweren Marmorsteinbänken im Zuccotti Park. Zwischen den Menschen liegen Plakate, auf die sie ihre Slogans geschrieben haben: "Milliardäre, eure Zeit ist um" und "Nehmt die Konzernokratie auseinander".

Ursprünglich wollten die Demonstranten von "Occupy Wall Street" ihre Zelte direkt an der Wall Street aufschlagen, gegenüber der Börse. Doch die New Yorker Polizei wusste davon und hatte weiträumig alle Straßen und Plätze mit Schutzgittern eingezäunt. So fanden die Demonstranten sich vor mehr als zwei Wochen in diesem fußballplatzgroßen Park wieder, mehrere Häuserblocks entfernt vom Herzen des Kapitalismus.

Giles findet das nicht schlimm. "Hier laufen täglich eine Menge Leute vorbei", sagt er. Giles ist seit Tag eins mit dabei, das sagt er unaufgefordert dazu. Er hat über Internetforen schon Monate vorher von der geplanten Aktion erfahren. "Ich wusste, da muss ich dabei sein", sagt er. Giles arbeitet als freier Fotograf in Manhattan und kommt aus Großbritannien. Er erinnert sich an die Thatcher-Jahre: "Wenn die Arbeiterbewegung damals Facebook gehabt hätte... Aber es gab ja kaum richtige TV-Berichte!"

Er kommt jeden Tag ins Camp, obwohl er Zuhause Frau und Kinder hat. Er nennt das hier den "American Autumn" , den amerikanischen Herbst. Eine Bewegung, inspiriert durch den Arabischen Frühling. "Wir müssen den politischen Diskurs ändern", sagt Giles. "Wir bleiben so lange, bis das passiert!" Occupy Wall Street könne noch Monate, sogar Jahre durchhalten, sagt er. "Die Bewegung ist viel größer, als das, was man hier sieht, nicht bloß ein paar Punks mit roten Haaren – es sind Millionen weltweit, die dahinterstehen."

Der Milliardär George Soros sagt, er könne den Protest verstehen

In den ersten zwei Wochen protestierten sie weitgehend unbemerkt, doch am vergangenen Wochenende kam die Wende. Bei einem Marsch über die Brooklyn Bridge gerieten die Demonstranten mit den Cops aneinander. 700 Protestierer wurden verhaftet. Die Polizei sagt, die Demonstranten wollten die Brücke sperren. Die Demonstranten sagen, sie seien in eine Falle gedrängt worden. Beide haben Videos ins Internet gestellt, um ihre Versionen zu beweisen.

Für Occupy Wall Street war es zumindest medial der Durchbruch . Die Schauspielerin Susan Sarandon kam vorbei. Es gab das Gerücht, dass die britische Band Radiohead für die Demonstranten spielen würde. Sogar der Spekulant George Soros sympathisiert mit ihnen. "Offen gesagt, kann ich ihre Gefühle verstehen", sagte der 81-Jährige. Im Lager wimmelt es von Kameras und Journalisten.

Ein grauhaariger Mann mit grüner John-Lennon-Brille bahnt sich seinen Weg vorbei zur "Generalversammlung". Dort geben die Organisatoren aktuelle Pläne durch: Heute wollen sie mit den Gewerkschaftern zusammen demonstrieren. Die Online-Wahlkampfhelfer von Präsident Obama von Moveon.org wollen mit einsteigen. Nicht alle sind damit einverstanden. Sie schütteln die Köpfe.

Weitere Meldungen: Ein kräftiger Afroamerikaner im blauen Sweatshirt bittet darum, die Mitarbeiter der McDonald’s-Filiale genüber bei Toilettenbesuchen nicht überzustrapazieren. Ein junger Latino mit Irokesenschnitt erzählt die Geschichte seiner politischen Erweckung. Eine junge Frau im Batikkleid umarmt Umstehende summend.