Noch einmal die Augen schließen und den Rasen spüren, samt Stein im Rücken. Noch einmal erst das Quietschen, dann das Klappen hören, wenn ein Fahrradständer aufgestellt wird, das metallische Scheppern, wenn der Gepäckträgerbügel auf seinen Rahmen schnellt. Das Dröhnen des herannahenden Lastenschiffes, das Kichern und kurze Schmatzen des Paares nebenan. "Pauline! Das sind Lederschuhe!", ruft eine Frau, ihre Stimme schrillt mit jedem Wort höher. "Sei nicht so dumm, komm damit aus dem Wasser!" Auf der Terrasse des Restaurants zerbricht Porzellan, ein leises Fluchen dringt ans Ohr. Die Sonne wärmt den Körper mit voller Wucht. Nach wenigen Minuten schon möchte man ins Wasser, um sich abzukühlen.

Es ist ein Sonntag im September, vielleicht der letzte für dieses Jahr, an dem es Spaß macht, in der Donau zu baden. Gestern Nacht sind in Tirol mehrere Zentimeter Schnee gefallen. Hier, im Wiener Umland, soll es morgen auf 13 Grad abkühlen. Aber heute spielt der Spätsommer noch einmal seine Kraft aus. An Tagen wie diesen zieht es die Wiener in die Badeanstalten an der Donau und ihren Nebenarmen. Die meisten von ihnen entstanden nach einer Regulierung des Stroms im späten 19. Jahrhundert und blühten auf, als um 1900 das Baden vornehm wurde.

Der Donaustrand

Am vornehmsten war es im Strombad Kritzendorf, dem Grand Hotel unter den Strandbädern. 1903 begründet, zog es Künstler, Intellektuelle, Fabrikanten, aber auch Arbeiter aus der nahen Hauptstadt an. Sie alle kamen, um, zunächst nach Geschlechtern getrennt, Kühlung in der Donau zu suchen. Und vor allem, um sich zu vergnügen beim Tanz, Kartenspiel, Sport, am Lagerfeuer und bei Kinoabenden in der Sommerluft. Und weil es so idyllisch war, richtete man sich gleich sommerhäuslich ein. So entstand am Rand des alten Dorfes eine exklusive Ferienkolonie mit Schiffsanlegestelle und Bahnhof. In den zwanziger, dreißiger Jahren verbrachten Literaten wie Heimito von Doderer und Hilde Spiel, Schauspieler wie Lina Loos und Karl Farkas, Wochenenden oder auch einen ganzen Sommer in "Krizes-les-Baines". Dann kam der Einschnitt, der das Bad binnen Stunden in der Bedeutungslosigkeit versinken ließ, vielleicht auch in schamhaftem Vergessen. Daraus steigt es erst jetzt allmählich wieder auf.

Es sind nur zwanzig Minuten per S-Bahn von Wien bis nach Kritzendorf. Eine kleine Straße führt ins Bad, doch zunächst durch den Wald. Schon auf dieser kurzen Strecke fallen der Großstadtlärm und der Schmäh von einem ab. Noch bevor man den Eingangsbereich, ein aus Holzbauten bestehendes Rondeau, durchquert, fällt der Blick auf die Häuser und Hütten zu beiden Seiten. Sie stehen auf Stelzen; die meisten sind mit Blumen geschmückt. Wege verlieren sich im Grün. Ein blaues Schild "Tennis Riviera" weist auf den Sportplatz hin. Schon hier wird man neugierig. Dieser Ort ist mehr als die Kleingartensiedlung mit 484 Parzellen, als die er amtlich geführt wird. Aber was?

Das "Bad am Strom" ist gut besucht. Im grünen Wasser der Donau spielen Kinder, Erwachsene versuchen, gegen den Strom anzuschwimmen. Überall auf der großen Wiese sonnen sich Menschen. Vater und Tochter versuchen einen Drachen steigen zu lassen, Kinder fahren mit dem Rad herum, kleinere spielen in der von einem niedrigen Holzzaun eingefassten Sandkiste unter dem Sonnensegel, ein Vater sitzt daneben, den Laptop auf dem Schoß.