Als Brasiliens Präsidentin die 66. UN-Vollversammlung eröffnete, hörten die Delegierten genau hin. Finanzkrise? Klimawandel? Energie? Sicherheit? Welche Antworten Brasilien darauf findet, hat Einfluss auf uns alle. Jahrzehntelang interessierte kaum jemanden, was die Brasilianer dachten. Sie hatten Rohstoffe zu bieten, Karneval, Samba, Fußball – aber einen Beitrag zur Ordnung dieser Welt? Dafür fehlte dem Land das Gewicht. Brasilien als Akteur internationaler Politik lebte im Schatten, beschäftigt mit seinen ewig wiederkehrenden Krisen, seiner Armut und seiner Größe. Das ist alles anders geworden. Nun sprach die Präsidentin Dilma Rousseff zur Welt, und die Welt hörte hin. Denn ihre Heimat ist zu einem Global Player aufgestiegen.

Daher ist es eine nützliche und gebotene Übung, einen Augenblick lang die Welt mit den Augen eines brasilianischen Diplomaten zu betrachten. Sehen sie etwas, was wir nicht sehen?

Jeder Diplomat, der im brasilianischen Außenministerium arbeitet, kommt irgendwann an einer riesigen Weltkarte vorbei, die in einem Versammlungsraum hängt. Ein Blick genügt, und man erkennt die Ausmaße Brasiliens – des fünftgrößten Landes der Erde. Und Brasilien hat so viele Nachbarn wie kaum ein anderes Land der Welt. Es ist von diesen Nachbarn durch keine klar erkennbare geografische Grenze getrennt. Das sind Grundlagen, auf der brasilianische Außenpolitik seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1821 gewachsen ist – sie bestimmen das Denken und Handeln seiner Diplomaten. Die Geografie hat ihnen diktiert: Ihr Brasilianer müsst mit allen können, ob ihr wollt oder nicht. Das war nie einfach. Da waren regionale Rivalen wie Argentinien, da war der Riese im Norden, die USA, da sind fragile, aber ambitionierte Nachbarn wie Bolivien. Die Multipolarität, die die Welt von heute prägt – sie ist in Brasiliens Gene eingebaut.

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

"Wir sind in außenpolitischen Fragen recht promisk. Wir setzen uns an alle Tische, die uns angeboten werden!" Das sagt Tovar Nunes, der Erste Sekretär des Außenministeriums, mit einem Lächeln auf den Lippen. Nunes sitzt in einem Büro, von dem er zu Recht sagt, dass seine Kollegen ihn um diesen Arbeitsplatz beneideten. Es liegt ebenerdig an der Ecke des Itamaraty, des Außenamtes, auf zwei Seiten ist es völlig verglast. Von außen kann man den Schreibtisch Tovars erkennen. Das Itamaraty ist 1970 eingeweiht worden. Gerade heute wirkt es wie ein Statement für Offenheit. Brasilien kennt keine terroristische Bedrohung und keinen Krieg, seit 147 Jahren nicht. Während viele von Tovars Kollegen überall auf der Welt hinter schwer bewachten Mauern sitzen müssen, kann er ungehindert ins Freie blicken, auf schlendernde Passanten, auf den Sitz des Präsidenten. Dieses Panorama, gepaart mit der neuen Macht Brasiliens, mag zur Gelassenheit der Diplomaten beitragen.

Aber nicht alles in Brasilien schimmert wie im Regierungsbezirk der Hauptstadt. Dieses riesige Land fristete auch deshalb so viele Jahrzehnte ein Dasein im Schatten der Weltpolitik, weil seine sozialen und wirtschaftlichen Probleme den Sprung auf die große Bühne verhinderten. Für Brasilien gilt daher noch mehr als für andere Staaten, dass die Verhältnisse in seinem Inneren sein Handeln im Äußeren bestimmen – und umgekehrt zielt jede außenpolitische Initiative auf das Innere dieses Landes. Zum Beispiel auf die Favela Jardim Angela.

Es ist ein kalter Spätsommertag. Winter in São Paulo. Ein grauer Himmel erstreckt sich über diesen Moloch von 20 Millionen Menschen. Die Menschen in der Favela Jardim haben sich die Kapuzen über ihre Köpfe gezogen. In den neunziger Jahren bezeichneten die Vereinten Nationen Jardim Angela als die gefährlichste Favela Brasiliens. Nun aber findet in der Favela eine Kulturveranstaltung statt. Graffitikünstler besprühen ganz legal Wände. A verdade é dinamite – "Die Wahrheit ist Dynamit" – sprüht einer auf die Wand. Später wird es ein Konzert geben, Rap-Musik. Eingeladen hat die Initiative Voto Distrital, sie wirbt landesweit für eine Direktwahl der Kandidaten. Das sei, so glauben die Aktivisten, der beste Weg, um Korruption zu verhindern und Transparenz zu schaffen. Ob die Bewohner der Favela sich dafür gewinnen lassen, wird sich zeigen, doch der Rap ist ein Magnet. Die Menschen kommen in Scharen. Für viele junge Männer ist diese Musik ein Weg, Anerkennung zu bekommen. Der Star des Abends ist der schwarze Rapper GoG. Er singt, er tanzt, und dazwischen redet er über die Verhältnisse in Politik und Gesellschaft: "Man sagt, es gebe keinen Rassismus in diesem Land. Aber heute Morgen lese ich in der Zeitung, dass ein schwarzer Junge von der Polizei erschossen worden ist. Die Leute fragen dann: ›In welche krummen Geschäfte war er wohl verwickelt?‹ Ob es rechtens war, den Jungen zu erschießen, das fragt keiner?!" Dann singt er wieder, tanzt und redet, und immer wieder kommt das Wort: periferia. GoG will, dass sie stolz darauf sind, aus der periferia zu kommen, vom Rand der Gesellschaft, dass sie sich nicht zu schämen brauchen und den Mut haben, ihre Rechte einzufordern und sich zu engagieren. "Denn Brasília", sagt er unter Applaus, "mag die Form eines Flugzeuges haben, aber die periferia hält den Steuerknüppel in der Hand. Wir steuern das Flugzeug Brasilien!"