Jetzt kann kein 11-Jähriger mehr Post erhalten, ohne zu träumen, der Brief, der durch den Türschlitz fällt, komme dank einer Eule aus Hogwarts. Altkluge Mauerblümchen dürfen neuerdings hoffen, dass sie eines Tages aufblühen, wie es auch Hermione Granger gelang und Joanne K. Rowling selbst.

Eine blonde Frau hat in den neunziger Jahren der übermächtigen Wirklichkeit eine ruhige Ecke im Café abgetrotzt, zum Schreiben, für Flugstunden in die Kunst. Kann der Alltag der Mühseligen und Beladenen noch derselbe sein, seitdem J. K. Rowling sich als Alleinerziehende mit einem Kleinstkind aus ihrer Misere herausschrieb? Bis sie eines Tages, und zwar am 11. Januar 2007, als Mutter dreier kleiner Kinder und wieder verheiratet, in einem Hotelzimmer Edinburghs den letzten Band, die Heiligtümer des Todes, beendete?

Das Geniale dieser Potter-Welt liegt darin, dass in der Fantasie ein Kind und seine Freunde die menschenverachtende Realität überwinden können. Und das auf eine Art, die Milliarden Leser anspricht.

Im Jahr 1990 war der 25-Jährigen auf einer Zugfahrt Harry Potter’s Geschichte eingefallen, wie aus heiterem Himmel, ihre Mutter starb im selben Jahr, bald kam Rowlings erste Tochter zur Welt: Mehr Zutaten für die Komposition dieses Genies sind nicht bekannt, das als geschichtenerzählendes rundliches Mädchen aus der Provinz nicht auffälliger gewesen war als Heerscharen anderer Mädchen. Aber aus der Trauer und der Erschöpfung, dem Wunsch nach Freiheit und der Liebe zum Kind müssen Staunen und Zauber erwachsen sein. Und eine fast unbegreifliche Disziplin: jede Sekunde, in der ein Kind schläft, zum Schreiben zu nutzen, 15 Jahre lang. Die Verbindlichkeit gegenüber der eigenen Tochter, den eigenen Kindern muss sich mit der Bindung an die erfundenen Zauberer unentwirrbar verflochten haben, bis ein festes Band alles zusammenhielt: Bleibt man denn nicht an der Seite der Kinder, bis sie groß sind?

Der Trost, die Hoffnung, die Erwartung, die Zeit, die Angst: Ein literarischer Zauber hat uralte Menschheitsthemen in die Gegenwart übersetzt. "Verraten Sie mir noch ein Letztes", bittet Harry auf dem Bahnhof Kings Cross seinen Mentor, den Zauberschuldirektor Dumbledore, "ist das hier wirklich? Oder passiert es in meinem Kopf?" Dumbledore strahlt ihn an. "Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?"

Es ist eine Leichtigkeit in der Welt, seitdem man spätabends, wenn der Tag widrig war bis zuletzt, einen Band Potter aus dem Schrank ziehen kann, irgendwo aufschlagen, loslesen – und einschlafen, mit dem leisen Rauschen im Ohr, das der Flügelschlag einer Eule erzeugt.