Die Niyamgiri-Berge im Osten Indiens sind nichts für Rucksacktouristen. "Gut, dass du angemeldet warst", grüßt Stammesführer Sikoka Laddo. "Wen wir nicht kennen, den zerreißen wir in Stücke." Der Mann, das wird man bald merken, meint das durchaus ernst.

Laddo trägt ein an der Schulter zerrissenes kurzärmliges Hemd über dem kräftigen, braunen Oberkörper und ein weißes Tuch um die Hüften. Er geht barfuß, seine langen schwarzen Locken sind zum Zopf zusammengebunden. Sein Alter weiß er nicht so genau, er könnte dreißig sein. Wo er stehen bleibt, scharen sich die Stammesangehörigen um ihn und warten auf seine Anweisungen. Jungen und Mädchen mit goldenen Ringen in Nasen und Ohren schauen bewundernd zu ihm auf.

In normalen Zeiten ist Laddo das Oberhaupt von sechs kleinen Bergdörfern, mit jeweils etwa 100 Bewohnern. Doch dies sind keine normalen Zeiten in den Niyamgiri-Bergen. Seit im Jahr 2003 die ersten Arbeiter des Vedanta-Bergbaukonzerns anrückten, sehen sich die Menschen vom Volk der Dongria Kondh im Kampf um ihr Überleben, seitdem führt Laddo alle 112 Dörfer seines Stammes. Zehntausend Ureinwohner des unberührten indischen Dschungels folgen seinen Befehlen – auch wenn sie lauten: Tötet die Eindringlinge! Für seine führende Rolle im Widerstand, sagt Laddo, habe man ihn verhaftet und tagelang gefoltert.

In Delhi verhandelt dieser Tage der Oberste Gerichtshof über das Schicksal von Laddos Volk. Es geht um die endgültige Entscheidung darüber, wem die Niyamgiri-Berge gehören: den Dongria Kondh oder den Bergbaukonzernen . Und es geht um die Frage, was in der Entwicklung Indiens Vorrang haben soll: ungebremste Modernisierung oder Schutz der Umwelt und der Ureinwohner. Investoren und Anlageberater hoffen, dass das Gericht dem Widerstand der Dongria Kondh endgültig den Garaus macht. Auch die Deutsche Bank. "Wenn das Minen-Projekt in den Niyamgiri-Bergen genehmigt wird, wäre es das bislang stärkste Signal dafür, dass Indien Entwicklung und Arbeitsplatzbeschaffung genauso ernst nimmt wie seine Bedürfnisse im Umweltschutz", heißt es in einem Aktienstrategiepapier der Bank vom 30. Juni dieses Jahres.

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern © ZEIT-Grafik

Doch die Bulldozer sind bisher nicht gekommen. Noch herrscht Ruhe in den Niyamgiri-Bergen. Es ist frühmorgens, noch herrscht Dämmerung, der Monsunregen hat Pfade und Hütten aufgeweicht. Hier lebt Laddo in einer winzigen Lehmhütte mit seiner Frau und zwei Kindern. Sie hat ihm etwas Hirse über der einfachen Feuerstelle aufgekocht.

Jetzt zieht er los zu seinem Tagewerk mit fünf starken Männern und einem Halbwüchsigen. Sie müssen Brennholz beschaffen. Alle tragen kleine, scharfe Äxte auf den Schultern und auffällig aufwendigen Schmuck in den Haaren: goldene Kämme, Bänder und Spangen. Auf dem Dschungelpfad hinter dem Dorf stimmen sie ein Lied an, und zwar mit denselben Worten, mit denen Laddo den Befehl zum Aufbruch gegeben hatte: "Brüder, lasst uns in die Berge zur Arbeit gehen."

Bald darauf stehen sie vor einer Wand aus Dschungelgesträuch und schwingen ihre kleinen Äxte. Die Werkzeuge wirken lächerlich im Vergleich zu Motorsäge und Freischneider. Doch die Männer kommen erstaunlich schnell voran. Nach nur zwei Stunden haben sie ein ansehnliches Stück Wald frei geschlagen und die Bäume zu Brennholz zerlegt. Die für sie wertvollen Dschungelpflanzen aber sind unversehrt: hoher Bambus, kleine Zitronenbäume und Heilpflanzen. Ihre Früchte und Blätter werden sie später ernten.

Die Dongria Kodh sind Jäger und Sammler. Von den Errungenschaften der Zivilisation, von Transistorradios, Schulen oder Geld wollen sie nichts wissen. Sie treiben ein wenig Handel mit der Außenwelt. Dass manche ihr Volk eine "Steinzeitgesellschaft" nennen, ist ihnen egal. Sie wissen nicht, wie die moderne Welt ihre Epochen definiert. Sie wissen auch nicht, dass manche Anthropologen ihre Kenntnis von Natur und Heilpflanzen für außergewöhnlich halten.

Laddo führt den Reporter den Berg hinauf zu einem weiten, grünen Hang, den er und seine Leute schon vor einem Jahr gerodet haben. Hier wächst wie auf einer großen Wiese wilde Hirse. Laddo nimmt ein paar Ähren des schulterhohen Gewächses in die Hand. Die Körner in den Ähren sind kleiner als Stecknadelköpfe und doch fast reif. "Davon leben wir", sagt Laddo. Er zeigt Bäume mit dicken Blättern, aus denen die Frauen im Dorf Öl zum Kochen und zum Glätten der Haare gewinnen. Er deutet auf eine weiße Orchidee, pflückt sie für seine Frau und zieht ihre Wurzel aus der Erde. Aus ihr gewinnen die Waldbewohner Medizin. Laddo rupft eine Lotuswurzel aus dem Boden. "Die nehmen wir zum Beten", sagt er. Er zeigt nach oben in die Wolken, die die Gipfel der Niyamgiri-Berge verhängen. "Die Berge sind unsere Götter. Wir beten nur zu ihnen."