Wer wissen will, was Banken mit einem Land anstellen können, der muss in den Osten Londons reisen, nach Canary Wharf. Wo einst die Lagerhäuser standen, ragen heute die Bürotürme der internationalen Finanzkonzerne in die Höhe. Credit Suisse, HSBC, Citigroup, Morgan Stanley, Barclays.

Großbritannien hat vom Boom im Finanzsektor viele Jahre lang profitiert. Er spülte Steuern in die Staatskassen und trieb die Wirtschaft an. Die Regierung war stolz auf ihre sanfte Regulierung, die immer mehr Geldgiganten anlockte.

Als die Blase platzte und die Briten feststellten, dass sie der Welt außer Finanzprodukten nicht mehr allzu viel anzubieten hatten, führten sie die globale Regulierungsbewegung an.

Das ist drei Jahre her. Inzwischen ist der Eifer vieler Regierungen erlahmt. Nicht aber der Zorn der Bevölkerung. In den USA gebiert er gerade eine neue Bürgerbewegung , die der Wall Street den Krieg erklärt und die schon bald nach Europa schwappen könnte. Wie nach dem Kollaps von Lehman Brothers im Jahr 2008 droht in Europa ein Bankencrash mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Viele Institute kommen wegen ihres Engagements in den Krisenstaaten Südeuropas kaum noch an frisches Geld, das sie benötigen, um ihre Kredite an die Kunden zu refinanzieren.

Deshalb will die EU mithilfe des Rettungsfonds EFSF frisches Kapital in die Banken pumpen, damit sie die Folgen einer Pleite in Griechenland verkraften.

In den Kopf will das keinem. Den Bürgern nicht. Und auch nicht den Bankern selbst, denn sie haben Angst vor der Verstaatlichung.

Trotzdem: In der europäischen Finanzaufsicht wird gerade schon der Geldbedarf für die staatliche Zwangsbeglückung ermittelt. Die Analysten der Großbank BNP Paribas schätzen ihn auf 92 bis 300 Milliarden Euro – je nachdem, wie schwer die Krise wird. Sie wird wohl schwer. Man bekämpft sie ja nicht mal entschlossen.

Dass den Banken dann schon wieder geholfen werden muss , liegt aber auch an den Versäumnissen bei der Neuordnung des Finanzmarktes und dem Umbau der Regulierung. Manches ist erreicht worden – aber bei Weitem nicht genug. Das gilt, obwohl in den vergangenen beiden Jahren mehr neue Vorschriften verabschiedet worden sind als in den 20 Jahren zuvor. So wurde vereinbart, dass die Banken künftig für riskante Geschäfte mehr eigenes Kapital als Sicherheitspuffer vorhalten müssen.

Die Aufsichtsbehörden beobachten die Geschäfte der Kreditinstitute genauer, und sie greifen früher ein. In Europa wird nun sogar die Einführung einer Finanztransaktionssteuer diskutiert. Die Banken spüren die neuen Regeln. Dies ist ein Grund dafür, dass die großen Investmenthäuser – nicht zuletzt in London – massenweise Stellen streichen und die Profite im Kapitalmarktgeschäft fast überall sinken.

Grundsätzlicheres blieb unerledigt. Viele Banken sind immer noch so groß, dass ihre Pleite ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund reißen würde. Immer noch steht die Vergütung der Topverdiener in der Finanzbranche in keinem Verhältnis zu dem, was in anderen Wirtschaftszweigen gezahlt wird. Immer noch hantieren die Banken mit Produkten, deren gesellschaftlicher Nutzen fragwürdig, deren Risiko aber umso größer ist. Und immer noch findet die Politik keine Lösung für das Problem, dass Geschäfte in den unregulierten Bereich der Hedgefonds und Kapitalsammelstellen abwandern, je stärker die klassischen Banken reguliert werden.

Für diesen Stillstand gibt es Gründe. Die Finanzlobby ist mächtig, vor allem in den USA. Die Bankenkrise erschwert den Regulierern ihr Vorhaben, weil sie die Institute nicht zusätzlich belasten wollen. Und längst sind die Finanzmärkte global, weshalb einiges nur im internationalen Gleichschritt reguliert werden kann. Der Wille dazu ist erloschen. Die Deutschen schützen ihre Landesbanken, die Amerikaner ihre Großbanken, die Schwellenländer ihre Finanzzentren und die Briten ihre Hedgefonds. Sie wollen auch nicht ganz auf das schnelle Geld verzichten.