Kann man sich die Europäische Union in diesen Tagen eigentlich noch ohne Krise vorstellen – ohne Schulden, Euro und Rettungsschirm? Kann man das alles beiseiteschieben, viel Farbe, Fantasie und guten Willen zusammennehmen und dann auf knapp 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche die Geschichte einfach noch einmal von vorn erzählen?

Sagen wir 1914, in einem schwarzen Tunnel mit einem Zitat des ungarischen Politikers und Soziologen Oszkár Jászi, der damals, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nicht nur von einem Ende des Schlachtens träumte, sondern auch von einer Generation, »die stark genug ist, die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen«? Oder 1950, an einem Tisch, der acht maschinengeschriebene, mit Bleistift korrigierte Blätter ausstellt – Originalentwürfe des Schuman-Plans, der einmal am Anfang der europäischen Einigungsgeschichte stand?

Man kann. Jedenfalls haben es die Ausstellungsmacher getan, die in Brüssel das Parlamentarium geschaffen haben, ein Besucherzentrum des Europäischen Parlaments (EP) , das es in dieser Form bislang nicht gab. Bereits vor sechs Jahren hatte das Parlament beschlossen, ein solches Zentrum einzurichten. Nun ist es ein hübscher Zufall, dass es ausgerechnet in einer Woche eröffnet wird, in der Gipfeltreffen verschoben und Banken gerettet werden, in der es raucht und kracht und die Europäische Union, glaubt man den Schlagzeilen dieser Tage, an einem Abgrund steht.

Von diesem Abgrund ist in der Ausstellung des Parlamentariums naturgemäß nichts zu spüren. Hier geht es bunt und multimedial um Grundsätzliches. Um Schuman-Plan und Montanunion, um Chemie-Richtlinien und Förderprogramme. Das alles in 23 Sprachen, weshalb die Ausstellungsmacher darauf verzichtet haben, die Objekte zu beschriften. Stattdessen bekommt jeder Besucher am Eingang eine Art iPad in die Hand, um in der Sprache seiner Wahl durch die Ausstellung zu navigieren.

Die präsentiert in ihrem ersten Teil – zunächst in Schwarz und dann in Lila – jene historische Erzählung vom großen Krieg und von dem seit mehr als 60 Jahren währenden europäischen Frieden, die gerade von allerlei Schuldenbergen verstellt wird. In dieser Erzählung ist Griechenland kein Pleitestaat, der sich den Zugang zu den europäischen Geldtöpfen erschummelt hat, sondern eine ehemalige Militärdiktatur, die auch deshalb in den siebziger Jahren demokratisch wurde, weil ihr die EU die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt hatte.

Per Audioguide erfährt man: »Nach eingehender Prüfung bietet die Europäische Kommission Griechenland (1975) eine unbegrenzte provisorische Mitgliedschaft an und ermöglicht es so, grundlegende wirtschaftliche Reformen durchzuführen.« Eingehende Prüfung, grundlegende Reformen? Stimmt schon, denkt man, noch wiegt die Geschichte der EU als Friedensmacht und Demokratisierungsanstalt schwerer als die einer möglichen Kapitalvernichtungsmaschine. Und doch fragt man sich, wie wohl einmal die Jahre 2010 und folgende in dieser Ausstellung bilanziert werden.

Hier und da schimmert die Absicht des Auftraggebers ein wenig allzu deutlich durch die aufwendigen Präsentationen. (Verantwortlich zeichnet das deutsche Atelier Brückner, das auch das BMW Museum in München und den Großen Handelssaal der Börse in Frankfurt gestaltet hat.) So steht der Fall der Mauer als historisches Datum zwischen der Einführung des Erasmus-Austauschprogramms für Studenten 1987 und der Verabschiedung des Vertrags von Maastricht 1992.