Auf dem Hügel über Stollberg thront ein Schloss. Es ist aus roten Ziegeln, hat mächtige Mauern und eine Turmuhr in der Mitte. Bernhard Freiberger war sofort fasziniert, als er, von Chemnitz aus, die Bergstraßen hoch ins Erzgebirge fuhr. Dieses mächtige Gebäude! Wie geschaffen für ein Hotel mit Restaurant, dachte Freiberger. Er musste es haben. Das war 1999.

Doch Hoheneck ist kein Traumschloss. Auf den Mauern liegen Stacheldrahtrollen, ein Wachturm steht daneben, die Fenster sind vergittert. Als Freiberger sich in das Schloss verliebte, war es noch ein Gefängnis. Erst zwei Jahre später wurde es geschlossen. 2003 kaufte Freiberger, der saarländische Immobilienmakler, vom Finanzministerium des Freistaats Sachsen den besenreinen Knast. Freiberger kannte da schon die dunkle Geschichte von Schloss Hoheneck. Das Ministerium war wohl froh, eine Last losgeworden zu sein.

Denn bis zur Wende war Hoheneck ein Frauenknast der DDR . Ein Haus, mit dem der SED-Staat Macht beweisen wollte. Zeitweise lebten dort mehr als 1.600 Häftlinge: Mörderinnen, Kriminelle. Und viele politische Gefangene. Sie kauerten in Arrestzellen. Sie hausten in Verdunkelungszellen. In Wasserzellen mussten sie stundenlang in kalter Brühe stehen.

Freiberger wollte hier nun Gäste einquartieren. Erlebniswohnen im Stasibau. Er wollte das »Jailhouse-Feeling« nennen; wie ein Ostknast-Abenteuer für Eventtouristen. Er gründete dafür eine Firma. Artemis heißt sie, wie die Göttin des Waldes. Mit Artemis plante Freiberger Attraktionen. Zum Beispiel das »Gefängnisfrühstück«. Zum Beispiel die »Event-Arena«, direkt im Innenhof – dort, wo Häftlinge einst, streng bewacht, wenige Schritte gehen durften. Wo Eisenspitzen verhinderten, dass jemand am Regenrohr hinabkletterte. Freiberger wollte in dieser Event-Arena Musicals zeigen. Er plante Hotelzimmer; sie sollten genau dort entstehen, wo einst mehr als 40 Frauen leben mussten – zusammengepfercht in einem Raum. Weil ihn Hoheneck fasziniere, sagt Freiberger heute, habe er eben etwas Besonderes daraus machen wollen.

Beim Verkauf habe der Freistaat Auflagen erteilt, erklärt heute das Finanzministerium. Der Investor sollte »der besonderen Bedeutung der Historie, insbesondere der wechselvollen Geschichte des Objektes Rechnung tragen«. Freiberger interpretierte das auf seine Weise. Es gibt noch immer die Internetseite , mit der die Firma für Hoheneck wirbt. Man erfährt dort, was der Mann meint, wenn er von etwas Besonderem spricht. »Der Schrecken hat einen Namen – Schloss Hoheneck«, steht da. »Berühmt-berüchtigt für seine katastrophalen Haftbedingungen«. Und: »Das gibt es kein zweites Mal, dies eröffnet Möglichkeiten, die kein anderer hat!« Dabei kennen nur die Opfer, die hier einst eingesperrt waren, das wahre »Jailhouse-Feeling«. Natürlich waren sie schockiert über die Pläne. Opferverbände schrieben wütende Protestbriefe. Online und in der Zeitung empörte man sich über »derlei Geschmacklosigkeiten« und die Idee von der »Spaßburg«. Der Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen war außer sich. Bald brachte man Freiberger dazu, die Pläne aufzugeben.

Wer ihn heute besucht, trifft einen Mann, der noch immer nicht versteht, wie sein Investment derart aus dem Ruder laufen konnte. Und der am liebsten gar nicht mehr sprechen möchte über sich und seinen Schlosskauf. Einer Veröffentlichung seines Fotos in der Zeitung hat er, nach langem Hin und Her, schließlich nicht zugestimmt.