Am 30. Oktober 1961 gab es keinen Empfang in der türkischen Botschaft in der Rheinallee 34 in Bonn-Bad Godesberg. Auch sechs Kilometer Rhein aufwärts, in der Adenauer Allee 99, fand keine Feier statt. Dort, im Auswärtigen Amt, waren zwei deutsche Beamte, der Leiter des Referats 505, Sozialrecht und Sozialpolitik, Vortragender Legationsrat Erster Klasse Hoffmann, und dessen Stellvertreter, Legationsrat Erster Klasse Dr. Dr. Schmiedt, damit befasst, ein Schriftstück aufzusetzen, das das Leben von Deutschen und Türken miteinander verbinden sollte. Ein dreiseitiges Papier mit zwölf Punkten, eine sogenannte Verbalnote – ein diplomatischer Briefwechsel, der ohne Unterzeichner auskommt.

"Die Türkische Botschaft beehrt sich, den Empfang der Verbalnote des Auswärtigen Amtes vom 30. Oktober 1961 – 505-83SZV-92.42 – zu bestätigen, mit der die Regierung der Bundesrepublik Deutschland vorgeschlagen hat, die Vermittlung von arbeitssuchenden türkischen Staatsangehörigen in eine Beschäftigung bei Arbeitgebern in der Bundesrepublik Deutschland durch eine Vereinbarung zu regeln."

Für die türkische Regierung waren diese wenigen Zeilen eine Gelegenheit, die Arbeitslosen und Hungrigen im Land loszuwerden, zumindest für eine gewisse Zeit. Sie hoffte, in Deutschland geschulte Arbeitskräfte und Devisen zurückzubekommen, denn länger als zwei Jahre, auch das regelte die Verbalnote, durfte ein türkischer Arbeiter nicht in Deutschland bleiben.

Viele Menschen sahen im gelobten Land von Mercedes und Siemens die Chance ihres Lebens, Männer konnten endlich ihre Familien ernähren, Freundinnen gingen gemeinsam zur Verbindungsstelle, die bei der Arbeitssuche vermittelte, ertrugen fröhlich die Peinlichkeiten der Gesundheitsuntersuchung, für die sie ihre Urinproben abgeben mussten. Die Zukunft ganzer Familien hing jetzt von ihnen ab. Die Hürriyet und andere türkische Zeitungen räumten Seiten frei, um die Adressen deutscher Firmen und die Namen der Personalchefs zu veröffentlichen.

In Deutschland dagegen berichteten die Zeitungen nicht darüber. Man war bemüht, alles möglichst unbedeutend erscheinen zu lassen. Das Auswärtige Amt bat die Türken darum, Stillschweigen über das gemeinsame Vorhaben zu wahren. Jede Veröffentlichung, so die Sorge, "würde die Bundesrepublik vor sehr unangenehme (...) Forderungen anderer an der Beschäftigung ihrer Arbeitslosen in der Bundesrepublik interessierte (...) Staaten stellen."

Der deutschen Wirtschaft war das egal. Sie holte bereits seit Ende der fünfziger Jahre Arbeitskräfte aus der Türkei. "Der Türke scheint sich, wenn er richtig angefasst wird, durchaus einzufügen und brauchbar zu sein", so sah es der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband. Gesucht wurden die fleißigen Türken. Mit oder ohne Hilfe der Politik.