Das "Land der Türken" wird in der Türkei gern beschworen. Ein alter Wunschtraum, der sich bei genauem Hinsehen in ein anatolisches Pixelbild mit vielen Völkern auflöst: Kurden, Griechen, Armenier, Aramäer, Tscherkessen – und viele mehr. Seit ihrer Gründung 1923 tut sich die Türkei schwer, sie alle mit dem Nationalstaat zu versöhnen. Doch erst die AKP-Regierung von Tayyip Erdoğan lud sich noch ein weiteres Problem auf: die "Auslandstürken". Per Gesetz wurde 2010 ein "Präsidium für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften" gegründet.

Die Behörde hat einen repräsentativen Ort in Ankara gefunden. Ein 14-stöckiges Hochhaus aus Glas und Stahl, mit weitem Blick über die Hauptstadt. Der Präsident der Behörde, Kemal Yurtnaç, erklärt hinter einem riesigen Holzschreibtisch, was die 253 Menschen in seinem Haus so machen. "Wir arbeiten hier mit rund zwanzig Behörden zusammen", sagt er. Man schaue in alle Richtungen, Europa, Zentralasien, Nahost. Die Türken im Ausland hätten viele Sorgen: Familienzusammenführung, Rechts- und Erbfragen, Visaprobleme, Diskriminierung im Alltag, Ausbildung und Chancengleichheit. "Wir wollen", sagt Yurtnaç, "dass unsere Bürger in Deutschland an der Gesellschaft teilhaben und ihren kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag leisten." Insgesamt zehn Experten in der Deutschland-Abteilung würden daran arbeiten.

Doch wer sind "unsere Bürger"? Das seien "türkische Staatsbürger in Deutschland", sagt Yurtnaç, Leute mit deutschem Pass beträfen seine Behörde eigentlich nicht. Doch nach einer Denkpause fügt er hinzu: Dann gäbe es da noch die "Identität, das historische und kulturelle Zugehörigkeitsgefühl". Die Behörde reagiere auf Nachfrage, sagt er. "Wenn sich einer der Kultur, Sprache und Geschichte der Türkei verbunden fühlt, dann sind wir für ihn da."

Auf der Straße klingt das etwas anders als in der Behörde. Da gilt der Türke aus Deutschland bei den richtigen Türken als rückständig, arrogant – und sehr deutsch. In der Türkei taucht der Deutschtürke ab und zu auf und glaubt, er könne irgendwen mit seinen weißen Lederschuhen und Stretch-Shirts beeindrucken. "Billig!", denkt der türkische Türke. Dazu spielen die Almanc, wie sie hier genannt werden, mit ihren Smartphones einen Arabesque-Rap ab, den nur die Deutschtürken lieben können: Ihre Stars heißen Ismail YK und MC Hüseyin. Musik von vorgestern.

Sie kommen hier mit ihren veralteten Mercedes-Limousinen angefahren, mit denen sie visumfrei ganz Europa durchquert haben. In der Türkei würde keiner einen so alten Benz mehr fahren. Entweder hat man nicht so viel Geld, dann fährt man einen ehrlichen türkischen Fiat. Oder man hat richtig Schotter – und dann ist der neueste Geländewagen von BMW das Mindeste. Diese Deutschtürken, die ihr Auto sogar von eigener Hand waschen! Sie sind eben einfach sehr deutsch, die Almanc. Sie kommen nicht klar mit dem bunten Leben in Istanbul. Und sind froh, wenn sie daheim in Deutschland wieder ihre "Ruhe" haben.