Da musste selbst Werner Faymann die Hände vor seinem Gesicht zusammenschlagen. Die Inseratenaffäre, bald Thema eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, trieb plötzlich skurrile Blüten. Vor drei Wochen gab der Abgeordnete Stefan Petzner (BZÖ) während einer Nationalratsdebatte Schmankerln aus der sozialdemokratischen Anzeigenküche zum Besten: Eine entgeltliche Einschaltung von Gesundheitsminister Alois Stöger (mit Porträtfoto) war mit Hinweisen garniert worden, wie vielfältig man den saisonalen Kürbis zubereiten könne – von herzhaften Suppen bis zu leckeren Auflaufgerichten.

"Keine Kürbis-Kochtipps auf Kosten der Steuerzahler!", forderte der Oppositionsabgeordnete. Der Kanzler lachte hellauf. Doch eigentlich hätte ihm das Lachen vergehen müssen – angesichts der Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden: Er habe in seiner Zeit als Verkehrsminister den beiden eigenständigen Infrastrukturunternehmen im Staatsbesitz, ÖBB und Asfinag, mit Nachdruck empfehlen lassen, in bevorzugten Medien der Boulevardpresse auffällig häufig Anzeigen zu schalten. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Die begünstigten Massenblätter nahmen sich nur zögernd des Themas an. Manche berichteten zunächst gar nicht – wie die Tageszeitung Österreich. Ihr Herausgeber, Wolfgang Fellner, ein Jugendfreund des Kanzlers, hatte sich wiederholt über pralle Inseratenstrecken aus dem Dunstkreis der Regierung freuen dürfen, was wohl entscheidend mithalf, das mäßig erfolgreiche Blatt in den vergangenen fünf Jahren über die Runden zu bringen.

Ursprünglich hatte Fellner, ein Medienmacher, berüchtigt für sein goldenes Händchen, eine weltoffene Qualitätszeitung im Sinn, in der jedes Thema entsprechend seiner öffentlichen Resonanz gewichtet werden sollte. Eine gedruckte Version des Massensenders Ö3. Eine Antithese zum Marktführer Kronen Zeitung, den man vom Thron stoßen wollte. Die Zeitung von morgen, eng verzahnt mit neuen Medien. Verleger aus ganz Europa beobachteten neugierig die Wundertüte aus Wien. Alles wurde penibel vorbereitet: ein innovatives Layout im Tabloid-Format, ein Newsroom mit 180 Arbeitsplätzen. Anerkannte Journalisten wurden eingekauft, Strukturen und Pläne auf diese Vision abgestimmt. Bis Fellner, wie einer aus der Stammmannschaft berichtet, zwei Monate vor dem Zeitungsstart im September 2006, eines Morgens aufgeregt im Büro erschienen sei: "Er sagte, er habe es sich doch anders überlegt – wir machen gleich harten Boulevard. Der alte Dichand würde eh bald sterben." Claus Reitan, damals Chefredakteur, erinnert sich an eine ungeheuer positive Dynamik zu Beginn: "Die Idee einer proeuropäischen, antirassistischen und nicht antisemitischen modernen Massenzeitung hat Politik und Wirtschaft fasziniert. Dann griff Fellner zum Brachialboulevard. Gleichzeitig wollte er vom Establishment anerkannt werden. Dieser Spagat war schwer zu schaffen." Ross und Reiter passten auf einmal nicht mehr zueinander. Ressorts wurden neu organisiert, alles wurde umgemodelt, Personal abgebaut. Doch der Markt erwies sich als zäh. Auch der Plan, Inseratenkunden aus dem Magazinbereich in die täglichen Hochglanzbeilagen zu locken, funktionierte nicht wie erhofft. 2007 ging die Gratisausgabe an den Start. Bei schwindenden Vertriebserlösen wurden Großinserenten immer wichtiger.