Morgens ist hier nur Licht und Lavendelduft. Wer weiß, wie viele der Gäste, die im Garten des Hotels Oltre il Giardino sitzen, ihren ersten Kaffee trinken, über die Lavendelbüsche streichen und sich wünschen, einfach nicht mehr wegzufahren, sondern zu bleiben? An diesem sonnenverwöhnten Ufer unweit der Frari-Kirche. Und dabei gar nicht ahnen, dass hier in diesem Haus Alma Mahler-Werfel gelebt hat – Promi-Groupie und zur Hysterie neigendes It-Girl der Belle Époque, lasterhafte Witwe des Komponisten Gustav Mahler , von Gustav Klimt geküsst und von Gerhart Hauptmann verehrt, Ehefrau des Bauhaus-Gründers Walter Gropius und des Schriftstellers Franz Werfel, Geliebte des Malers Oskar Kokoschka, Salondame und vom Erfolg betörte Geniefresserin, überschäumende Antisemitin und Gattin zweier Juden, für die einen la grande veuve, für die anderen "große Dame und Kloake".

Bei den meisten Venedig-Reisenden erschöpft sich die Sehnsucht zu bleiben darin, dass sie sich die Nase an den Schaufenstern der Immobilienagentur am Campo Santa Angelo platt drücken. Bei einigen Begüterten endet der Venedig-Rausch mit dem Kauf einer Palazzo-Etage, die am Ende nur von philippinischen Hausmädchen bewohnt wird. Etwa bei Elton John und seinem Mann (Wohnung auf der Giudecca) oder bei Naomi Campbell und ihrem Russen (Wohnung am Canal Grande). Es gibt in Venedig ganze Paläste, die in Ferienwohnungen zerhackt wurden und über Jahre leer stehen. Denn die Begeisterung am Palazzo in Venedig lässt in der Regel schon bald nach: Man kann hier nur zu Fuß gehen. Im Winter ist es nebelig. Ein erwähnenswertes Nachtleben gibt es nicht. Selbst Harry’s Bar wird nur noch von Horden von Amerikanern in Bermudashorts bevölkert und schließt um halb elf.

Wenn Sie wissen möchten, was ein Hotel berühmt macht und was Berühmtheiten in ein Hotel bringt, klicken Sie bitte auf das Bild. © Roman Kuhn für DIE ZEIT

Alma Mahler-Werfel bewohnte allerdings keinen Palazzo, wie häufig und für sie äußerst schmeichelhaft berichtet wurde, sondern dieses zweistöckige Haus unweit der Frari-Kirche: die Casa Mahler. Es mutet heute wie ein kleines Landhaus an, sechs Zimmer, zwei Stockwerke, mit einem ebenerdigen Salon und einem hübschen Garten – in einem stillen Viertel von Venedig, durch das nicht die Tagestouristen ziehen, in dem noch echte Venezianer leben: Wo kleine Kinder auf Rollern die Frari-Kirche umkreisen und Venezianerinnen ihre Einkaufswägelchen hinter sich herziehen, auf dem Weg zum Markt auf dem Campo Santa Margherita.

Es war der Wiener Regisseur Paulus Manker , der auf Alma Mahler-Werfels enge Verbindung zu Venedig aufmerksam gemacht hat: Unweit von der Casa Mahler, im Palazzo Zenobio, ließ er Episoden ihres an Skandalen und Affären reichen Lebens nachspielen: Das Stück lief synchron in allen Räumen des Palazzos ab. Es wurde gleichzeitig im Park, in der Küche, im Ballsaal gespielt. Der Zuschauer entschied selbst, welcher der vier Almas er folgen wollte: ins Musikzimmer, um Kokoschkas Vergewaltigungsversuch mitzuerleben, oder ins Badezimmer, um mit Werfel Zeuge von Almas Judenhass zu werden? Am Ende der Aufführung gab es Wiener Schnitzel. Alma hätte es geliebt.

Als die Casa Mahler zwischen 1922 und 1935 zum dritten Wohnsitz der Familie Mahler-Werfel wurde, nach Wien und der Sommervilla im österreichischen Breitenstein, machte das Haus einen hinfälligeren Eindruck als heute, da es liebevoll restauriert wurde: mit weißen, verspachtelten Wänden und Holzböden, auf denen moderne und antike Möbel stehen. Ein Italiener namens Balboni hatte ihr das Haus verkauft, Balboni war damals zum Teil ihres Gesellschaftslebens in der Villa in Breitenstein geworden und wurde von einem Freund der Familie als "Gauner" bezeichnet, "der mit einer ganzen Schar von Frauen erschien, die (...) durchaus eine Art Harem gewesen sein könnten". Balboni scheint somit also etwas wie ein früher Seelenverwandter Berlusconis gewesen zu sein.

Alma Mahler war 43 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem späteren Mann Franz Werfel das Haus in Venedig kaufte. Es waren die Jahre, in denen Venedig noch kein Ferienziel der Massen war, sondern ein Traum, der Sehnsuchtsort einer Elite, die wie Thomas Mann den Sommer am Lido verbrachte, die ersten Ausstellungen der Biennale besuchte und Toscanini-Konzerte in der Fenice-Oper. Schon das Fin-de-Siècle-Venedig hatte viele Künstler angezogen – da durfte das It-Girl Alma nicht fehlen. Als Zwanzigjährige besucht sie 1899 mit ihrer Familie Venedig – die Stadt, in der es normal war, dass an einem Nachmittag Gabriele D’Annunzio und Eleonora Duse, Henri de Régnier und Rainer Maria Rilke , die Comtesse de Noailles und Hugo von Hofmannsthal in der berühmten Casetta Rossa am Canal Grande zum Tee beisammen saßen. Es war die Zeit, in der Mariano Fortuny in Venedig seine plissierten Seidenkleider verkaufte, die Zeit des Orientalismus, als die Salons mit Samt und goldbedruckter Baumwolle geschmückt wurden und als man noch Wert auf die souvenirs de voyage legte, Straußeneier, Sarazenenschilde, arabische Silbersandalen.