Heute ist fast alles, was teuer und gut ist, auch klein und diskret. Das gilt für viele elektronischen Accessoires wie das Handy, den Laptop, die Flip-Kamera und den iPod nano genauso wie für Mode (die Clutch) und für Essen (das Macaron). Einerseits ist das ein Fortschritt, gleichzeitig mündet es in eine unkontrollierte Ansammlung von mehr oder minder nützlichen kleinen Dingen. Für Frauen gilt das doppelt. Regelmäßig stellt sich ihnen die Frage: Wohin mit den ganzen Schuhen, Stiften, Schminksachen? Die Antwort: Wir brauchen Kästchen.

Bislang spielte die Büchse, das Kästchen, die Box, der Kleinkrambehälter eben, in der Designgeschichte eine Nebenrolle. Viele Designer waren sich zu schade, sich zwischen Tisch und Stuhl noch mit einem so kleinen Gegenstand zu beschäftigen.

Außerdem ist die kleine Kiste manchem ein suspektes Objekt. Schließlich ist sie in der griechischen Mythologie der Ursprung allen Übels. In der Büchse der Pandora erklärt der Dichter Hesiod, dass die schweren Leiden, alle Laster und sogar der Tod erst durch das unerlaubte Öffnen der Büchse der Pandora über die bis dahin glücklich vor sich hin dösende Menschheit hereingebrochen seien. Was aus der kleinen Büchse entwich, war demnach alles andere als Kleinkram: Es bedeutete das Ende des Goldenen Zeitalters und den Auftakt für die Welt, wie wir sie heute kennen. Es wundert also nicht, dass das Kästchen viele Jahrhunderte später zu einem der beliebtesten Requisiten einfallsloser Thriller-Regisseure wurde. Denn wo sollte man die Hinweise auf ein dunkles Geheimnis sonst verstecken, wenn nicht in einer kleinen Schachtel? In Hollywood-Romanzen kommt das Kästchen ein bisschen besser weg – es steht für eine geheime Sehnsucht, die in der hintersten Ecke eines Kleiderschrankes versteckt und nur selten hervorgezogen wird. Das Kästchen beschwört viele Fantasien und hinterlässt stets den Eindruck, der Besitzer habe etwas zu verbergen.

Meist geht es aber gar nicht um Geheimnisse, sondern vor allem darum, profanen Krimskrams vor den Augen anderer zu verbergen. Man möchte seinen Gästen den Anblick eines zerklüfteten Gebirges von Visitenkarten, Schlüsseln, zehn Jahre alten Ausstellungsprospekten und anderen kleinteiligen Dingen ersparen. In einer Schachtel wird alles verstaut und bis zum nächsten Umzug vergessen. Für den ständig umziehenden Großstädter ist die kleine Box ein unentbehrlicher Gegenstand.

Trotz dieser praktischen Qualitäten waren ästhetisch wertvolle Kästchen bis vor Kurzem so selten wie optisch ansprechende Zahnstocher. Wer für den Art-déco- oder Ethno-Stil wenig übrighatte, musste auf den Klassiker, den Schuhkarton, zurückgreifen – wobei dieser, auch mit fliederfarbenem Blumendruck von Ikea, nur mäßig dekorativ ist. Offensichtlich haben jetzt aber auch talentierte Designer aus Finnland, Asien, Frankreich und Deutschland diese allgemeine Not erkannt und das Kästchen salonfähig gemacht. Ikea warb einmal: "Gib deinem Kleinkram ein Zuhause!" Heute müsste es heißen: "Gib deinem Kleinkram eine Designervilla!"