Jetzt ist er da, der Rekordjahrgang , vor dem die Rektoren und Wissenschaftsminister so gezittert haben, und auf den ersten Blick scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen : In Köln musste die Aula wegen Überfüllung geschlossen werden, als zu viele junge Leute zur Immatrikulationsfeier drängten; die TU Dortmund schickt ihre Studenten zu Seminaren in Baucontainer, und die TU Braunschweig will Kinosäle anmieten. 18 Prozent mehr Anfänger allein in Nordrhein-Westfalen, deutschlandweit rechnen Experten mit einer halben Million Erstsemester. Starke Geburtenjahrgänge, das doppelte Abi in Niedersachsen und Bayern sowie die Abschaffung von Wehrpflicht und Zivildienst addieren sich zu einer Welle mit ungekannten Folgen. So lauteten zumindest die Warnungen.

Auffällig ist, dass sich die meisten Rektoren nicht von dem Alarmismus anstecken lassen, dabei sind sie sonst die Ersten, die über eine zu hohe Auslastung klagen. "Ich hatte eher Sorge, dass die Welle nicht kommt", sagt der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth. "Denn dann wären wir auf all dem Personal sitzen geblieben, das wir vorsorglich eingestellt haben." Die Überfüllung der Aula, verspricht er, werde eine einmalige Sache bleiben: "Wir bekommen das hin." Ähnlich äußert sich Freimuths Heidelberger Kollege Bernhard Eitel. Zwar lägen die Einschreibezahlen über denen des Vorjahrs, "aber es herrscht keinerlei Chaos oder nicht zu bewältigender Andrang". Von den "von vielen Seiten skizzierten Schreckensszenarien" sei man weit entfernt, vermeldet der Regensburger Rektor Thomas Strothotte. Ins Schwärmen gerät der Präsident der Hochschule Osnabrück, Andreas Bertram: Dank der "sehr guten" finanziellen Unterstützung des Bundeslandes habe man "frühzeitig und dauerhaft" zusätzliche Professoren einstellen und Baumaßnahmen zur Verbesserung der Studiensituation "zügig" umsetzen können.

Erste Statistiken bestätigen die Rektoren in ihrer Gelassenheit: Wie im Vorjahr sind deutschlandweit etwa die Hälfte der Fächer mit einem NC belegt; bei den verlangten Noten gibt es zwar Ausschläge nach oben, aber keinen dramatischen Trend zu einer noch stärkeren Verknappung (siehe Kasten nächste Seite). Die vor Wochen gemeldeten Rekordzahlen bei den Bewerbern hatten gerade die Studentenverbände anderes befürchten lassen. "Offenbar hat sich die Diskussion um fehlende Studienplätze nochmals verstärkend auf das ohnehin inzwischen etablierte Verhalten ausgewirkt, sich bei möglichst vielen Universitäten gleichzeitig zu bewerben", mutmaßt der Heidelberger Rektor Eitel. Mit dem Ergebnis, dass am Ende zwar die allermeisten einen Studienplatz bekommen, aber darauf womöglich bis weit ins Semester warten müssen. Ein Missstand übrigens, den ein bundesweites Vergabesystem längst hätte beseitigen sollen. Immerhin: Dem Chaos bei der Bewerbung , so scheint es, wird keines im Studienalltag folgen.

Wer wissen will, warum die Unis die Rekord-Studentenzahl auf den zweiten Blick so überraschend gut haben bewältigen können, der kann über diese Frage lange mit Bildungsforschern reden. Es reicht aber auch, sich den Abi-Jahrgang des Herzog-Ernst-Gymnasiums in der niedersächsischen Stadt Uelzen anzusehen, den die ZEIT seit dem Frühjahr begleitet . Dabei wird klar: Der als "Studentenberg" gefürchtete Ansturm war zu verkraften dank einer Mischung aus politischer Planung und der Flexibilität von Abiturienten, die sich all die öffentlichen Warnungen zu Herzen genommen haben.

"Ich habe mir gedacht, wenn alle an die Unis stürmen, dann warte ich ein Jahr", sagt Christoph Dietterle, 19. Während viele seiner Jahrgangskollegen gerade ihre Studentenzimmer einräumen, kommt er vom Fußballplatz. Dietterle gehört zu den 16.000 "Bufdis" , die als Erste den neuen Bundesfreiwilligendienst ableisten: in Altenheimen, Krankenhäusern, Kindergärten – und manchmal eben in einem Sportverein wie Dietterle. Vormittags sitzt er im Büro und pflegt die Website des Vereins, dann radelt er rüber ins Gymnasium und leitet die Fußball- und Tischtennis-AG, spät nachmittags kommt die Vereinsjugend zum Training. Einen Schiedsrichterlehrgang absolviert Dietterle auch noch. Nein, bereut habe er es bislang überhaupt nicht, sein Lehramtsstudium verschoben zu haben. "Im Gegenteil, die Erfahrungen hier helfen mir später enorm."