Die Steigerungsform von Bibliophilie ist die Bibliomanie. Und dann? Dann hilft nur noch ein Kompendium, das 70 Bücher zwischen zwei Deckeln bewahrt. Die Fußnoten nicht mitgerechnet, die auf weitere 200 Publikationen verweisen. Die Abbildungen nicht mitgemeint, die auf verschwenderischen Doppelseiten die Referenzbände vor unseren Augen aufblättern, damit wir durch die Bücher wandern können wie durch eine schöne Wohnausstellung. Kurzum: Schweizer Fotobücher 1927 bis heute, das Fotobuch der Fotobücher, das sich die Fotostiftung Schweiz zu ihrem 40. Jubiläum schenkt, ist das körperhafte Objekt, das im Lexikon der erotischen Vergnügungen noch gefehlt hat.

Das ist eine Überraschung aus dem Hinterhalt. Zumal von einer Herausgeberschaft, die im Auftrag des Bundes das fotografische Erbe der Schweiz verwaltet. Nüchternheit und wissenschaftliche Akribie steht auf ihrer Visitenkarte. Für Eigensinn und Innovationsgeist zahlt die Eidgenossenschaft keine Boni. Und hoffentlich doch, in diesem Fall. Nach jahrelanger Selektion und Reduktion erweisen sich die Experten um Peter Pfrunder als Bilderstürmer. Denn was das Buch mit seinen aberhundert Seiten und klugen Essays tatsächlich auf die Waage bringt, ist nicht das, was sich messen lässt. Es ist Pfrunders Courage, lediglich 70 Autorenbücher zu lebendigen Leitfossilien zu erküren und sie als kunst- und kulturhistorisch exemplarische Marksteine einer neuen Geschichte der Schweizer Fotografie auszurufen.

Jakob Tuggener, "Fabrik", Rotapfel Verlag, Erlenbach-Zürich 1943.

Dass die erste gedruckte Übersicht zu diesem Thema erst heute vorliegt, ist auf den zweiten Blick frappant. Die Schweiz besaß schon sehr früh dank technischer Innovationen wie dem Tiefdruck – und der Vertriebsform des Buchklubs – eine reiche Fotobuch-Tradition. Wahrgenommen wurde sie von jeher international. Heute vor allem durch verlegerische Seismografen wie Lars Müller, Walter Keller oder Patrick Frey; ersterer auch als Multiplikator der Fotobuchkunst an der Universität Harvard. Schweizer Fotografen haben durch ihre Bilder dem Land zu jeder Zeit ein Fenster zur Welt geöffnet. Werner Bischof auf Japan (1954), Gotthard Schuh im Zweiten Weltkrieg auf Java, Sumatra und Bali mit Insel der Götter, eines der erfolgreichsten Fotobücher der Schweizer Fotogeschichte. Eine Generation früher war Martin Hürlimann, weltreisender Sohn einer vermögenden Brauereifamilie aus Zürich, der zeitgeistigen Indien-Euphorie verfallen. Sein Bildband Indien. Baukunst, Landschaft und Volksleben erschien 1928 im Berliner Verlag von Ernst Wasmuth. Hürlimann vertritt eine der ältesten Positionen im chronologischen Referenzwerk, und seine Wiederentdeckung gehört zu den lohnenden.