Von hinten sieht er ein bisschen aus wie François Mitterrand. Und wenn François Hollande spricht, aufs Podium gestützt, in jäh wechselnden Tonlagen, dann erinnert er erst recht an den bisher einzigen Präsidenten der Fünften Republik, der Sozialist war. Nun ist Hollande der Kandidat der Sozialistischen Partei (PS) für die französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr.

Ausgesucht haben ihn im zweiten Wahlgang der "offenen Primärwahlen" rund 56 Prozent der fast drei Millionen Teilnehmer. Von ihnen war nicht etwa Parteimitgliedschaft, sondern nur verlangt worden, einen Euro zu zahlen und die kursorische Erklärung zu unterschreiben, links zu denken. Es waren die ersten Abstimmungen dieser Art in Frankreich, und die Sozialisten werden für dieses demokratische Wagnis allenthalben mit Respekt belohnt.

Aber Hollande? War das nicht dieser biedere ehemalige Lebensgefährte von Ségolène Royal, der gescheiterten Präsidentschaftskandidatin der PS aus dem Jahr 2007? Dieser onkelhafte Typ der losen Sprüche und deftigen Speisen, der mit allen Kniffen der Hinterzimmerpolitik elf Jahre am Parteivorsitz festgehalten hatte, bis ihn der Parteitag in Reims 2008 unter erleichtertem Beifall verabschiedete?

Seinen Witz hat der Mann behalten, die Rundungen hingegen abgelegt. Als die Mehrheit in Frankreich noch auf Dominique Strauss-Kahn (DSK) hoffte, hatte der ihm mehr politisch als persönlich nahestehende Hollande damit begonnen, durch die Provinzen zu tingeln. Im Mai genügten DSK dann neun Minuten in einem New Yorker Hotelzimmer, um seine Chancen zu vernichten – während Hollande schon weit herumgekommen war in der Partei.

Die Auftaktveranstaltung jener Herbstkampagne, in der Hollande seine fünf Mitbewerber überrunden sollte, fand in Colombes statt. Östlich der reichen Ghettos von Neuilly gelegen, der politischen Heimat Sarkozys, ist Colombes ein ehemals industriegeprägter Vorort von Paris, in dem sozialer Abstieg verbreiteter ist als Aufstieg. Kein Terrain für Überschwang also, eher für Missmut und Trotz. Weshalb in der Mehrzweckhalle auch keine freudige Erwartung herrschte, man war einfach nur da und wartete auf den notorischen Zuspätkommer Hollande. Songs von Phil Collins, dem Normalo der Popmusik, träufelten aus den Lautsprechern. Nach der Trennung Hollandes von Ségolène Royal habe sie die besseren Schallplatten behalten, juxt man in der Partei.

Am Pressetisch Erstaunen: "Sie kommen von der ZEIT, ja kennt man François Hollande denn in Deutschland?" – Die höfliche Antwort geht unter, denn endlich ist der Kandidat aufgetaucht. Er muss sich erst einmal Reden anhören. Sein Wahlkampfchef Pierre Moscovici, der gerne Außenminister werden möchte, spricht überwiegend von sich selbst, das kennt man, dann tritt Hollande ans Pult: ein unterhaltender Redner, aber "kein Gott, kein Kaiser noch Tribun", wie es im sozialistischen Liedgut heißt. Was für ein Kontrast zu den kämpferischen Auftritten seiner unterlegenen Konkurrentin Martine Aubry!

Doch darauf kam es am Ende nicht an. Das ist das Neue. Noch im Wahlkampf 2007 trieben zwei Erleuchtete ihre Anhänger zur Ekstase, Nicolas Sarkozy auf seine und die Sozialistin Ségolène Royal auf ihre Art. Diesmal jedoch machte sich mit Hollande jemand beliebt, der versprach, ein "normaler Präsident" zu werden. Die Presse mokierte sich und druckte Fotos, die den sturzhelmbewehrten Biedermann auf einem Scooter zeigten – "wie ein Pizzafahrer", schrieben die Journalisten. Das Volk hingegen mag ihn just deshalb.