Die moderne Gesellschaft, so sagen ihre Verfechter, hat die Tragik und die Tragödie abgeschafft. Die alten mythischen Mächte sind entthront, es gibt sie nicht mehr. Was früher ein Kampf auf Leben und Tod war, das ist heute ein Konflikt, und er kann liberal, diplomatisch und im Konsens gelöst werden. Der Rest ist Zufall, oder schicker gesagt: "Kontingenz".

Das ist die eine, die nachtragische Sicht. Die Gegenposition lautet: Die Modernen sind verblendet. Sie täuschen sich, wenn sie glauben, man könne die Tragik einfach außer Dienst stellen. Tatsächlich sind die alten Mächte weiterhin im Amt, und ihre Souveränität ist ungebrochen. Solange es Geschichte gibt, gibt es auch Tragödien, gibt es Schicksal und Gewalt, Schuld und Opfer.

So geht der Streit ermüdend hin und her, und alle Versuche, die betonierten Positionen zu unterlaufen, zeigen wenig Wirkung. Jetzt hat der in München lehrende Literaturwissenschaftler Wolfram Ette noch einmal den Versuch unternommen, die Fronten aufzubrechen und den gordischen Knoten zwischen Tragikern und Posttragikern zu durchschlagen. Seine These lautet: Wer die klassischen Texte mit der Lupe liest, der wird erkennen, dass die Tragödie nicht auf die Verklärung des Tragischen zielt, sondern auf seine Kritik. Aischylos, Euripides, Sophokles, Shakespeare, Hofmannsthal, Giraudoux und zuletzt Heiner Müller : Für sie ist die Tragödie ein Ort der Klage; niemand ist bereit, dem Leiden einen höheren Sinn zu verleihen oder die Gewalt der Götter anzubeten. Die Tragödie ist eine "emanzipative Kunstform".

Aristoteles hat die Philologen auf die falsche Fährte gelockt

Und warum haben Heerscharen von klassischen Philologen das anders gesehen? Warum konnten sie behaupten, die (griechische) Tragödie handele von zeitlosen mythischen Gewalten, die das Menschenwesen bis zum Ende seiner Tage unerbittlich vor sich hertreiben? Ettes Antwort lautet: Weil Aristoteles sie auf die falsche Fährte gelockt hat. Für Aristoteles war Geschichte so unveränderlich wie Natur, und aus diesem Grund komme bei ihm tragischerweise "am Ende immer das heraus, was am Anfang schon feststand" – nämlich die Ewigkeit von Blut, Opfer und Gewalt. "Als Theorie der Tragödie ist seine Poetik unhaltbar."

Seine Gegen-Lektüre formuliert Ette auf schlanken 700 Seiten, und sie beginnt mit einem Drama, das seiner Generalthese freundschaftlich entgegenkommt: mit der Orestie des Aischylos . In diesem Stück, schreibt Ette, "erlangt die antitragische Bestimmtheit der tragischen Form" weltgeschichtlich ein Bewusstsein ihrer selbst, denn zum ersten Mal befreien sich die Menschen aus der Vormundschaft der Götter und des mythischen Geschicks. Orest: "Was tun? Die Mutter morden – geb’ ich’s auf?" Diese Fragen sind revolutionär, und sie bilden den "Herzschlag" des Stücks. Am Ende sind die Figuren nicht mehr bereit, sich vor dem Fatum in den Staub zu werfen.

Es war die Maßlosigkeit der Schrecken, die die Götter delegitimiert und vom Thron gestürzt hat. Kassandras Hinrichtung ist unerträglich, sie erschüttert das Recht der Götter, wie überhaupt die Opfer in keinem Verhältnis mehr zum Anlass der Tat stehen – "angesichts der Vernichtungsmaschinerie verschwindet jede Rationalität der Vergeltung". Hier lernt das Publikum, dass alles auch anders sein könnte, denn Aischylos sagt nicht: Durch Leiden lernt der Mensch Demut. Aischylos sagt vielmehr: Durch Leiden kann er lernen, von der Rache abzulassen, damit Vergeltung nicht länger Vergeltung provoziert.

Aber fordert der Chor in der antiken Tragödie nicht immer wieder Rache? Ja, sagt Ette, aber in der übertriebenen rhetorischen Wucht, mit der die Unumgänglichkeit von Vergeltung beschworen wird, stecken bereits Zweifel und Distanz, ein Moment des Befremdens über das archaische Blutopfer – die Menschen besinnen sich darauf, dass sie besser sind als ihre Götter. Gleichwohl werden die unmenschlichen Götter nicht einfach gegen "göttliche" Menschen ausgetauscht. Die Tragödie "setzt auf Verwandlung, nicht auf Abschaffung des Schicksals". Sie steht "zwischen Mythos und Logos, und sie steht GEGEN beide". Es ist der offene Raum, "der Ungrund und Abgrund, über dem sich das bewusste Leben in der Schwebe hält".