Nein, Ali Dolo ist heute wirklich nicht gut auf Europa zu sprechen. Er fühlt sich betrogen und bestohlen, seine Leute haben doch ohnehin nichts, sagt er, und selbst dieses Nichts nimmt man ihnen noch weg. Vor ein paar Wochen erst war Dolo in Paris, und als er davon erzählt, beginnt sein massiger Leib regelrecht zu beben, fast rutscht ihm seine traditionelle Mütze vom Kopf, die weißen Troddeln umschwirren das Gesicht.

Sie hatten ihn eingeladen, sie wollten Dolo dabeihaben, als im Sommer die große Ausstellung begann. Und so reiste der Bürgermeister von Sanga, einem Dorf mit vielen Lehmhäusern im hintersten Winkel von Mali, hinüber ins ferne Paris, betrat das kolossale Musée du quai Branly und sah, was er schon kannte: geschnitzte Masken und Skulpturen, die Kunst seines Heimatstammes, der Dogon . Offenbar hatten sie gedacht, das würde Dolo mit Stolz erfüllen. Es machte ihn nur noch wütender.

Warum ist alles dort?, fragt er aufgebracht. Was hat es in Paris zu suchen? Wie ist es dort hingekommen? Weshalb raubt uns der Westen unsere Kultur?

Na ja, lenkt er ein, es stimme schon, manchmal verkauften manche seiner Landsleute die eine oder andere Maske, aus Geldnot oder weil sie ihre Tradition nicht mehr hochhielten. Doch vieles werde auch illegal aus Mali herausgeschafft, eine Sammlermafia sei da am Werk! Einige der Masken im Pariser Museum habe er genau wiedererkannt, er wisse, woher sie stammten. Doch die Sammler verschleierten die wahre Herkunft, absichtlich – damit niemand auf Rückgabe klage.

Ob die Vorwürfe stimmen? Vielleicht übertreibt Dolo ein wenig, vielleicht hatte er nur einen anstrengenden Tag, gerade liegt das große Dorffest am Nationalfeiertag hinter ihm. Doch wer durch Dolos Heimat Mali reist, wer mit dem Jeep die vielen tiefen Schlammlöcher durchquert, zerklüftete Steinfelder und blanke Klippen passiert, wer schließlich durchgerüttelt im Land der Dogon anlangt und den Menschen dort zuhört, der merkt rasch, dass Dolo mit seiner Wut nicht allein ist. Manche fühlen sich noch immer gedemütigt durch die vielen Jahrzehnte der französischen Kolonialherrschaft. Andere ärgert der Hochmut vieler Westler, die immer noch meinen, sie allein hätten der Welt die ewigen Werte der Kunst beschert. Sie schwärmen von ihren gotischen Domen, von den Renaissance-Palästen – und haben noch nie etwas gehört von der märchenhaft schönen Lehmarchitektur der Dogon, die weit zurückgeht bis ins 12. und 13. Jahrhundert.

Afrika, das ist in den Augen vieler Europäer, selbst der gebildeten, der Kontinent des Elends und der Vergeblichkeit. Hunger, Dürre, Korruption, viel mehr scheint es dort nicht zu geben. Sicherlich, ein paar schöne wilde Tiere haben sie und natürlich die Masken. Doch die schaut man sich vor allem deshalb an – wenn überhaupt –, weil sich einst Picasso und andere Künstler dafür begeisterten . Längst ist die Kunst der Dogon eingemeindet, sie gehört zum Kanon der Moderne.

Entsprechend wurde sie nun auch in Paris dargeboten, auf reinweißer Wand in reinweißem Licht – als Kunstwerke im westlichen Sinne, kostbar und lange schon Geschichte. Was soll ein Dogon aus Mali davon halten? Wie sollte er nicht wütend werden? Er ist nicht Geschichte, er lebt! Und auch seine Kultur lebt, ist nicht museal, nicht tot – und Kunst schon überhaupt nicht.

Für den Betrachter aus Europa mögen es raffiniert geschnitzte Objekte sein, schön anzusehen und teuer gehandelt. Für die meisten Dogon sind ihre Masken beseelt vom Geist ihrer Ahnen. Sie sind ein Teil ihres Lebens, das noch immer tief eingebunden ist in einer Tradition, die seit Jahrhunderten währt und die der westliche Mensch für längst ausgestorben hält. Für ihn sind Kunst und Alltag, Religion und Arbeit getrennte Sphären – für die Dogon fließen sie in ihren Dörfern in eins. Und wer sie auseinanderreißt, der brüskiert sie.