Die Unterhändler schuften. Vier, drei, zwei Tage vor dem EU-Gipfel am Samstag in Brüssel ringen die EU-Staaten darum, was sie den Banken aufbürden – und was den Steuerzahlern. Beamte schicken ihre Depeschen, fragen bei der Europäischen Zentralbank um Rat, fluchen heimlich. Der Apparat ächzt bis tief in die Nacht.

In Frankfurt sitzen in diesen Stunden rund hundert Camper im Kreis. Die jungen Leute tragen dicke Mützen und Kapuzenpullover, sie hüllen sich in Decken. So beginnt allabendlich eine öffentliche "Assamblea", das Treffen von Occupy:Frankfurt, und sie zünden Teelichter an, weil offenes Feuer im Park nicht gestattet ist. Ihre Vorschläge für eine bessere Welt haben sie an eine Wäscheleine gehängt: "Finanztransaktionssteuer + Millionärssteuer" ist da zu lesen, und "31.10. Banken-Halloween. Hebt alle euer Geld ab" und "Seid Sand im Getriebe der Welt". Die Zettel flattern. Auf einem steht bloß: "Liebe".

Rund 6.000 Menschen haben am vergangenen Samstag in Frankfurt demonstriert . Nun besprechen die Durchhaltewilligen frohen Mutes ihre nächsten Aktionen, während erste Entscheidungen buchstäblich über ihre Köpfe hinweg getroffen werden: Der Rettungsschirm wird noch größer. Der Apparat hat ein erstes Ergebnis geliefert.

Trotzdem verändert sich etwas. Eine alte trifft in diesen Tagen auf eine neue Zeit. Der EU-Gipfel wird nach den Regeln der alten Zeit ablaufen, wie seit 50 Jahren eben. Die Demonstranten? Sie haben keinen Einfluss auf die Tagesordnung und die Pläne zur Rettung des Euro und zur Regulierung der Banken. Aber vielleicht ist es der letzte EU-Gipfel dieser Art. Denn das vergangene Wochenende rührte am europäischen Gefüge. Europapolititische Forderungen tauchten hier und da auf Plakaten auf, als Hunderttausende in den Städten Europas auf die Straße gingen. In Frankfurt, Berlin, Brüssel, Rom, Paris. Es war viel Aktion. Wut. Druck von unten eben. Auf Europa. Wann hat es das zuletzt gegeben?

"Niemand muss Flyer verteilen, die er nicht mag"

Stéphane Hessel hat sich in Graz an die Empörten gewandt: "Habt Vertrauen. Auch wenn es manchmal so aussieht, als könne man nichts ändern – die Wahrheit ist: Das stimmt nicht", rief er. Es gebe immer Möglichkeiten, Widerstand zu leisten. Der 94-jährige ehemalige französische Widerstandskämpfer hat, wenn man so will, den Aufruf geschrieben, dem die europäischen Protestler nun folgen. Seine Streitschrift Empört Euch! ist auch in Deutschland ein Bestseller und mithin ein Indiz dafür, wie viele noch stille Sympathisanten die Demonstranten haben.

"Also, wir haben jetzt zwei Vorschläge für Flyer vom Öffentlichkeitsteam." Eine junge Frau spricht in Frankfurt ins Mikrofon, der Lautsprecher wird auf einer Sackkarre über die Wiese geschoben. Sie will von den anderen wissen: Soll es heißen "Schluss mit der Bankokratie"? Oder doch lieber "Eure Krise – unsere Antworten"?

Sie stimmen per Handzeichen ab. Entwurf zwei findet eine Mehrheit. "Aber wir haben doch gar keine Antworten", gibt jemand zu bedenken. Es folgen Diskussion, bis Costantino Gianfrancesco seufzt, aufspringt und zum Mikrofon geht: "Ideen gibt es immer viele. Aber jetzt macht doch den paar Leuten, die bis morgen früh um fünf Flyer basteln, nicht das Leben schwer", sagt er. Gianfrancesco, 35, ist ein drahtiger Italiener mit wilden Locken. Mit seinem schmalen Gesicht und der runden Brille erinnert er ein bisschen an John Lennon. "Niemand wird gezwungen, Flyer zu verteilen, die er nicht mag. So setzen sich die besten Flyer von ganz alleine durch", schallt es aus dem Lautsprecher.