Die Schlussbestimmung behält demzufolge eine wichtige Reservefunktion für den Fall, dass das deutsche Volk die "Identität" seines Staates neu bestimmen will oder muss. Musterbeispiel dafür wäre, dass aus dem souveränen Staat Bundesrepublik ein Gliedstaat der "Vereinigten Staaten von Europa" würde, Deutschland im Verhältnis zu diesem europäischen Bundesstaat also in der gleichen Relation stünde wie Hamburg oder Hessen zur Bundesrepublik.

Artikel 146 GG sieht die Möglichkeit vor, auf nichtrevolutionärem Wege eine neue Verfassung zu schaffen: Es stünde dem deutschen Volk frei, den Status der Bundesrepublik Deutschland so auszugestalten, dass aus dem souveränen Nationalstaat der bloße Mitgliedsstaat eines europäischen Bundesstaates würde.

Für eine neue Verfassung bedürfte es nun aber nicht, wie viele meinen, zwingend einer Volksabstimmung oder eines Volksentscheides. Das wäre eine Möglichkeit, aber nicht die einzig denkbare. Denn wenn Art. 146 von einer neuen Verfassung spricht, dann verweist er damit implizit auf die verschiedenen Formen der Verfassungsgebung.

Hier haben sich in der geschichtlichen Entwicklung zwei Grundmodelle herausgeschält: das Konventsmodell und das Nationalversammlungsmodell. Beide tragen dem Umstand Rechnung, dass eine neue Verfassung die Beratung verschiedener Entwürfe und ein beschlussfähiges Endprodukt voraussetzt. Im Konventsmodell ist die Ausarbeitung einer beschlussfähigen Entscheidungsvorlage Aufgabe eines dafür eingesetzten Gremiums, des Konvents; dessen Vorschlag wird einer Volksabstimmung unterworfen. Das Bürgervotum gibt also den Ausschlag.

In Deutschland hat hingegen das Nationalversammlungsmodell stärkere Tradition, wie es in Form der Paulskirchenversammlung oder der Weimarer Nationalversammlung konkrete historische Gestalt gewonnen hat: Das Volk wählt eine verfassunggebende Versammlung mit dem ausdrücklichen Auftrag, ein Staatsgrundgesetz auszuarbeiten und zu verabschieden, ohne dass eine neuerliche Entscheidung des Volkes über die neue Verfassung vorgesehen wäre.

Art. 146 GG ist für beide Modelle offen. Das Nationalversammlungsmodell ist legitimatorisch keineswegs zweitrangig, eine Volksabstimmung daher nicht zwingend.

Aus verfassungspolitischer Perspektive mag allerdings für eine Volksabstimmung der Umstand sprechen, dass das deutsche Volk etwa im Unterschied zum französischen, britischen oder irischen bislang seit 1945 keine einzige Gelegenheit hatte, sich direkt zum europäischen Integrationsprozess zu äußern und auch das Grundgesetz selbst entgegen den ursprünglichen Vorstellungen der Besatzungsmächte letztlich keinem Referendum unterworfen wurde.

Wir können uns eine neue Verfassung geben. Der genaue Punkt, von dam an dem der Fortschritt des europäischen Integrationsprozesses die souveräne Staatlichkeit Deutschlands endgültig zur Disposition stellt, ist schwer zu bestimmen. Aber irgendwann werden wir eine Antwort auf die Frage geben müssen, ob Deutschland ein Gliedstaat der Vereinigten Staaten von Europa werden soll oder nicht.