Der gebürtige Lübecker sei immer mit ganzer Seele Volkswirt gewesen und habe stets "strategisch gedacht", wie sich sein Schulfreund Holger Strait erinnert. "Als ich Schulsprecher werden wollte, hat Klaus analysiert, wie dafür Mehrheiten organisiert werden können." Strait gewann damals die Wahl, heute führt er in siebter Generation die Lübecker Marzipanfabrik Niederegger. Regling hingegen wollte den Tischlereibetrieb des Vaters, der viele Jahre zugleich SPD-Bundestagsabgeordneter war, nicht übernehmen. Aber die Grundprinzipien konservativen Wirtschaftens hat er verinnerlicht: Gib nie mehr aus, als du verdienst. "Ich wusste, wenn der Betrieb keinen Gewinn macht, geht die Tischlerei pleite." Die strikten Defizitregeln im Stabilitäts- und Wachstumspakt folgen dieser Logik.

Reglings Büro in Luxemburg ist karg eingerichtet, aber eine Quelle des Wissens. Kaum ein Regal, auf dem sich nicht wissenschaftliche Aufsätze stapeln. Stolz greift er ein rot eingeschlagenes Exemplar mit dem Titel Theorie des optimalen Währungsgebietes heraus – seine Diplomarbeit aus dem Jahr 1973.

Regling ahnte damals nicht, dass ihn dieses Thema niemals loslassen würde. Auch nicht, als er in den siebziger Jahren als junger Wissenschaftler zum Internationalen Währungsfonds nach Washington ging oder als er danach ins Bonner Finanzministerium wechselte.

Doch dann kam die deutsche Einheit, und Bundeskanzler Helmut Kohl forcierte gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand die europäische Währungsunion. Zusammen mit Staatssekretär Jürgen Stark und Finanzminister Theo Waigel (CSU) bereitete Regling die Euro-Einführung vor.

Zu den Ministertreffen in Brüssel flogen die Bonner Beamten montagmorgens zunächst von Köln in Richtung Bayern, um den Chef abzuholen. "Wir landeten gegen 7 Uhr in Memmingen, und sobald die Tür aufging, roch es nach Kühen", sagt Regling. Ehe Waigel vorfuhr, besorgte ein Mitarbeiter frische Brezeln. Auf dem Flug präparierte Regling den Minister. Waigel erinnert sich heute an die ruhige Art, mit der Regling "stets exzellent vorbereitet stichhaltige Analysen vortrug und immer wusste, was an der Wall Street und in Asien gespielt wurde". Waigel wollte Regling zum Staatssekretär ernennen, doch dazu kam es nicht mehr.

Als Oskar Lafontaine 1998 Finanzminister wurde, bat ihn Regling an dessen zweitem Arbeitstag um den vorzeitigen Ruhestand. "Lafontaine wollte die Binnennachfrage mit höheren Schulden stärken, das konnte ich nicht mitmachen", sagt Regling.

Der Familienvater vergleicht den Euro mit einem Kind in der Pubertät

Es folgte ein Exkurs in die Privatwirtschaft. Philipp Hildebrand, Partner beim Hedgefonds Moore Capital Management, suchte einen Volkswirt für die wirtschaftspolitische Analyse. Regling trieb die Neugier, er wollte verstehen, wie die andere, die private Seite tickte; obgleich er mit seinen fast 50 Jahren einer der ältesten Mitarbeiter im Handelsraum an der Londoner Curzon Street war. Regling habe "alles aufgenommen", erinnert sich Hildebrand, "nach dem Motto: Das wird mir helfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen."

Lange hielt es Regling nicht in der Wirtschaft, es zog ihn zurück in die Welt der Politik. Er wechselte zur EU-Kommission und wurde Generaldirektor für Wirtschaft und Währung. "Ich wollte wieder die Möglichkeit haben, direkt Einfluss zu nehmen auf Entwicklungen in der Währungsunion", sagt er. Sieben Jahre lang wachte er über die Einhaltung ebenjener Haushaltskriterien, die er in den neunziger Jahren mit erdacht hatte.