Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Aus dem peinlichen Vorfall wird eine lustige Geschichte – so geht das, so funktioniert Humor. Lachen entsteht oft aus Scham, und wenn man weit genug zurückgeht, dann findet man manchmal eine Urszene. Ich war ein kleiner Junge (vielleicht fünf oder sieben, jedenfalls alt genug, um mich zu erinnern), als ich an einem Sommertag bei meinen Großeltern, trotz ihrer Warnungen, aus Gier eine ganze Flasche eiskalten Apfelsaft trank. Die anderen Kinder, meine Freunde, spielten im Hof. Auf dem Weg dorthin, im Treppenhaus, entleerte sich der Darm. Ich konnte weder vorwärts noch zurück, das alles ekelte mich viel zu sehr. Ich blieb einfach auf der Stufe stehen, weinend vermutlich, in dieser Pfütze, während, so sagt es mir meine Erinnerung, alle Nachbarn und alle Kinder, die ich kannte, nach und nach diesen Vorfall bemerkten und über mich lachten. Irgendwann kam meine Großmutter und erlöste mich.

Ich würde das heute für einen bösen Traum halten, wenn dieser Vorfall nicht in den familiären Anekdotenschatz eingegangen wäre. Vor allem meine Mutter erzählte die Geschichte gerne, jahrelang, dass ich sie deswegen hasste, versteht sich von selbst. Das war nicht lustig.

Daran habe ich mich wieder erinnert, als die Redaktion anrief und nach einer peinlichen, lustigen Geschichte verlangte. Die wirklich peinlichen Geschichten möchte man niemandem erzählen. Die Welt ist voll von Ersatzgeschichten, lustigen kleinen Schnurren, hinter denen sich die wirklich peinlichen Vorfälle verstecken. Ich glaube, dass ich wegen dieser Peinlichkeit, sozusagen meiner Urpeinlichkeit, später ein Klassenclown geworden bin. Ich wollte, dass die anderen lachen, über irgendwas. Solange sie über etwas anderes lachen, werden sie nicht auf mich achten und nicht über mich lachen.

So wechselte ich von der Opferseite auf die Täterseite. Man schaut genau hin, weil man selber nicht gesehen werden möchte. Später, beim Schreiben und beim Lesen, bin ich manchmal erschrocken über die Gnadenlosigkeit, die dieser Beruf verlangt. Wenn jemand aus Geltungsdrang eine Doktorarbeit fälscht, dann liegt dieser Peinlichkeit, dieser Gier, doch etwas Menschliches zugrunde, von dem niemand sich freisprechen kann.

Sollte man, nach der grausamen Enthüllung, nach der notwendigen Bloßstellung, nach der Blamage, so jemanden nicht trösten, ihn auf den Arm nehmen und nach Hause tragen, wie meine Großmutter es getan hat? Stattdessen erzählt man das, wieder und wieder, denn man ist ja, in diesem Moment, auf der sicheren Seite.