So zahlreich sind die unsichtbaren Fettnäpfchen allerorts, dass es nahezu unmöglich ist, sich von der stetigen Angst, in sie zu treten, nicht irritieren zu lassen. Kein Wunder jedenfalls, dass die Erleichterung sich ihren Weg sucht. Nicht nur boomt die inszenierte Fremdscham als Ventil. Auch der aktiv gelebte Trash hat hartnäckig Konjunktur. Bei "Entdeck the Dreck"-Partys, die sich offensiv als "bescheuertste Party" der Stadt rühmen, wird in szenischen Clubs nächtelang extra peinlich zu billigsten Hits der Neunziger getanzt. Auf privaten "Bad Taste"-Feiern entstellen sich die sonst so stilbewussten Gäste grotesk wie nur irgend möglich. Im schaurig-schönen Camp-Style verkleidet man sich als Geeks, Freaks, Prolls und Tussen. In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.

Der Uncoolnessfaktor wird auf hundert Prozent gekurbelt, wenn die alten Bravo Hits -CDs aufgedreht werden und man sich, unter den entsetzlichen Beats von DJ Bobo zuckend, gegenseitig mit Mezzo Mix bespritzt oder den Erdnussflips aus der XXL-Packung von Ja! bewirft. Die Fotos davon, wie man sich in so einer Nacht einmal richtig hat gehen lassen, so richtig "abgespackt" und sich "zum Vollhorst" gemacht hat, darf am nächsten Tag jeder gerne ins Internet stellen. Sie sind Trophäen der Lässigkeit, beseelt von dem großen Gefühl der Sicherheit: Peinlichkeit impft gegen Peinlichkeit. Schließlich ist nichts davon ernst. Alles ist Ironie.

Schützt die Peinlichkeit wirklich vor der Peinlichkeit? Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer "safe" zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.

Denn ach, wie leicht ist es, ewig ironisch zu sein, wie vorhersehbar und fad, sich immer nur witzelnd herauszuwinden. Die Überheblichkeit der Ironie ist das Neinsagen. Präventiv entwertet sie jede Aussage oder lässt sie vage im Uneindeutigen verharren. "Ich habe mir jetzt auch so eine nerdige Poser-Brille zugelegt", "Ich bin jetzt auch so ein Apple-Opfer geworden", wird vieldeutig gezwinkert. Am Ende bedeutet es nichts.

Jenseits der spaßigen Trash-Exzesse ist die Ironie als Strategie des Anti-Peinlichkeit-Managements keine befreiende, sondern vielmehr eine einengende Haltung. Eine Liebeserklärung, die sich durch das Hintertürchen des Ironischen verdrückt, um bloß die Gefahr der Peinlichkeit zu vermeiden, ist undenkbar. Ein politisches Statement lässt sich nicht durch das ewige Lustigmachen über sich verhaspelnde und stolpernde Minister ersetzen. Dem Papst eine rote Nase malen kann jeder, sich zum Glauben bekennen nicht.

Das Affirmative ist ein Wagnis, das sich dem Urteil, auf den einen oder anderen peinlich zu wirken, schonungslos stellt. Das dauernde Zelebrieren des Peinlichen allerdings ebenso. "Weißt du, das ist so jemand, der schafft es nur auf Bad-Taste-Partys, aus sich herauszugehen", könnte die gefürchtete Meinung über den ewig Selbstironischen dann beispielsweise lauten. Ständig Castingshows gucken? Nie etwas ernst meinen, immer nur mit dem Finger auf andere zeigen? Peinlich. Restlos schützen kann nichts und niemand vor dem P-Wort. Aber am Ende ist es dann ja auch doch nur eines: ein Adjektiv unter vielen.