Die Neo-Liberale – Seite 1

Es ist noch gar nicht lange her, da war Sahra Wagenknecht für viele Deutsche ein Freak. Eine unheimliche Wiedergängerin von Rosa Luxemburg , die immer ein Hauch von Kaltem Krieg zu umwehen schien. Ihre Truppe innerhalb der Linken nannte sich "Kommunistische Plattform", was im Grunde so viel hieß wie "wir haben nichts zu bereuen, rutscht uns den Buckel runter". Als Kuriosum des Politikbetriebs wurde sie durch die Talkshows gereicht.

Das ist vorbei. Aus dem schönen Monster ist in der Krise eine satisfaktionsfähige Finanzpolitikerin geworden, deren Kontrahenten sich warm anziehen müssen, wenn sie bei Maybrit Illner gegen die stellvertretende Vorsitzende Der Linken bestehen wollen. Mit kalter Wut, aber höflich und mit allen Zahlen bewaffnet, reduzierte Wagenknecht den Bankenverbands-Geschäftsführer Michael Kemmer zu einem hilflos grinsenden Zuschauer. Er hatte treuherzig versichert, die Banken täten alles, um den Kunden mit Krediten zu dienen. Wagenknecht erklärte, ganze vier Prozent flössen bei der Deutschen Bank noch in das Kerngeschäft, "der Rest ist Wetten, Zocken, Spekulieren". Die Banken genehmigten sich eine Art Sozialismus, der Kapitalismus bleibe dann den Lohnempfängern. Da applaudieren ihr die Leute, laut, mit zusammengepressten Lippen und wütendem Kopfnicken: Endlich sagt es mal eine!

Sahra Wagenknechts neues Buch Freiheit statt Kapitalismus , ihr zehntes, ist eine Hommage an die Helden der liberalen Wirtschaftslehre, an Walter Eucken, Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard. Ein vergiftetes Lob, natürlich, das die linke Junge Welt nicht ganz zu Unrecht als "Marketingidee" rügt. Zwar verteidigt Wagenknecht die reine Marktwirtschaft gegen die Macht der Monopole und der Finanzmärkte, ist aber zugleich der Ansicht, dies werde "direkt in den Sozialismus" führen, einen leistungsfreundlichen und nicht zentralistischen allerdings diesmal. Leistung lohne sich nicht, solange die großen Vermögen ererbt und durch Spekulation vermehrt würden. Handelsblatt und Financial Times Deutschland lobten das Buch. "Ich weiß", schreibt Wagenknecht im Vorwort, "für viele Pseudokonservative und Pseudoliberale bin ich der Gottseibeiuns, die finstere Kommunistin, die zurück will in die DDR. Ich habe auch deshalb zunehmend gespürt, es wird Zeit, einen positiven Gegenentwurf zu schreiben. Es wird Zeit, den typischen FDPlern, die von Ökonomie nicht mehr verstehen als die auswendig gelernten Sprüche aus dem Parteiprogramm, entgegenzuhalten, wie Marktwirtschaft tatsächlich funktioniert."

Wie hat sie das gemacht, sich so vom Rand in die Mitte zu robben ? Zum Frühstückstermin um elf Uhr, im Zwanziger-Jahre-Café Zimt und Zucker an der Spree, erscheint sie entspannterweise eine Viertelstunde zu spät: verschlafen. Wer hätte das gedacht, die gestrenge Frau Wagenknecht wird nicht morgens um fünf von einer Stalinorgel geweckt. Und Waffeln mit Kirschen und Puderzucker mag sie auch. Geht doch! Ihren Frieden mit diesem "perversen System" hat sie deshalb noch keineswegs gemacht. Gewiss, auch sie hat sich verändert. Vieles von dem, was sie früher über die DDR gesagt habe, sei einfach eine Trotzreaktion gewesen. Der Fall der Mauer, den Wagenknecht bekanntlich zu Hause bei der Lektüre von Kants Kritik der reinen Vernunft verbrachte ("andere waren in der Sauna", sagt sie dazu, in Anspielung auf die Bundeskanzlerin), hat sie in tiefe Depressionen gestürzt. Schließlich war die Tochter einer alleinerziehenden staatlichen Kunsthändlerin mit Kontakten in die DDR-Boheme überhaupt erst 1989 in die SED eingetreten. Da wollte sie – bloß keine falsche Bescheidenheit! – den Sozialismus reformieren. Wollte ihn retten. Im Wendejahr, als alles um sie herum in die Gegenrichtung floh.

Die in Jena geborene Sahra Wagenknecht hatte nach dem Abitur 1988 keinen Studienplatz bekommen. Sie habe sich nicht "aufgeschlossen gezeigt fürs Kollektiv", hieß es. "Das hatte auch damit zu tun", versichert sie heute, "dass ich die herrschende Politik in der DDR immer wieder kritisiert habe. Gerade weil ich mich schon damals als Sozialistin verstand, fand ich das, was die DDR aus den sozialistischen Ideen gemacht hatte, schwer erträglich und habe das auch ausgesprochen."

Das ist neu, als Dissidentin war sie bislang nicht aufgefallen. Wagenknecht war wohl eher das, was man heute einen "Nerd" nennt, eine frühe Einzelgängerin, ein komischer Kauz, der sich die Welt über Bücher erschließt. An der FDJ, deren Mitglied sie war, missfiel ihr ausgerechnet die "Lagerfeuerromantik", das Einzige vermutlich, das anderen die Sache halbwegs erträglich machte. Das Grässlichste an der DDR war für sie der Zivilverteidigungsunterricht in der Schule: zwei Wochen zu viert auf einem Zimmer, mit Gasmaske im Matsch herumrobben. Da hat sie nichts mehr essen können, so sehr hat sie es gehasst, das Kollektiv. Trotzdem gab es für sie kein Jenseits der DDR. Erst ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer fuhr sie das erste Mal nach Westberlin. Der Grund: eine Schrift von Hegel, die im Osten nicht aufzutreiben gewesen war. Der Rest, sagt sie, "hat mich einfach nicht so interessiert".

Mit Entsetzen sieht Die Linke, wie gut der aktuelle Antikapitalismus ohne sie auskommt. Von San Francisco bis Tel Aviv ziehen Leute auf die Straßen , die ohne Parteiführung und Programm ihre Wut herausschreien, Schlafsäcke organisieren und miteinander ein neues Leben anfangen. Sahra Wagenknecht kann man sich auf einer Isomatte so wenig vorstellen wie Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine. Wenn es so weitergeht, wird der ganze herrliche Protestregen 2013 auf die Piraten niedergehen. Derzeit steht Die Linke bei sechs Prozent, 2009 waren es noch doppelt so viel.

Die Reformer haben Angst vor Wagenknecht

Am kommenden Wochenende will die Partei das Ruder herumreißen. Ein neues Programm soll es richten, verabschiedet in Erfurt – der Stadt, in der die damals noch revolutionär gestimmte Sozialdemokratie 1891 eine marxistisch inspirierte Antwort auf das reformorientierte Gothaer Programm beschloss. Man ist also immer noch wütend ins Hinterbein der SPD verbissen; Oskar Lafontaine hat sogar die Gründung eines Willy-Brandt-Korps für internationale Katastrophenhilfe als Alternative zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr vorgeschlagen. Er kommt einfach nicht los davon.

Sahra Wagenknecht weiß, wer schuld ist an der Misere der Linken: die Reformer aus den ostdeutschen Landesverbänden. "Wir können nicht, nach dem Konzept der PDS, eine Partei der Stöckchenspringer sein", ruft Sahra Wagenknecht den "lieben Genossinnen und Genossen" zu. Ständig werde die Parteiführung madig gemacht, ständig werde die einmal beschlossene Parteilinie aufgeweicht. Kein Wunder, dass die Wähler sich abwenden. Genau das will ihr Publikum hören. Die meisten, die dann vor ihr sitzen, sind ergraute Veteranen, die Wagenknecht zujubeln, wenn sie sagt, es gäbe überhaupt keinen Grund für die "strategische Neuausrichtung", die die Reformer verlangten. Man hat recht gehabt und wird weiterhin recht haben: Mindestlohn, keine Rente mit 67, raus aus Afghanistan – wozu da eine Stalinismus-Debatte? Was soll das, für Opfer der SED-Herrschaft aufstehen?

Wenn man sie darauf anspricht, versteht sie die Welt nicht mehr. Wie solle jemand, der 1969 geboren ist, Verantwortung für Bautzen tragen? Den Blick in den Spiegel, bei dem man darüber erschreckt, mit wem man sich gedanklich gemein gemacht, den hat Sahra Wagenknecht nie geworfen. Sind so Stöckchen.

Es heißt, sie wolle gern Fraktionsvorsitzende werden , in einer Doppelspitze mit Gregor Gysi, der das mit Sicherheit nicht will. Aber weil er Angst vor ihr hat, wie viele der Reformer, singt er sich jetzt schon mal seine Niederlage schön: Die Sahra sei ganz anders geworden, viel milder. "Ich kann davon nichts entdecken", sagt Raju Sharma, der Schatzmeister der Partei. "Auch in kleinen Gruppen, wo man wirklich einmal frei reden könnte, bekomme ich keinen Kontakt zu ihr." Eine Parteifreundin von den Reformern ergänzt: "Es sitzt einem diese Kunstfigur gegenüber. Ich gucke sie direkt an, aber da stoße ich immer auf eine Maske."

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