Ein paar Worte können ein Leben verändern. Daran dachte Gidon Kremer wohl nicht an jenem Abend in einem Moskauer Taxi, als er sich nach hinten wandte und die Frau, die da saß, fragte: "Warum schreiben Sie nicht mal ein Violinkonzert?" Sofia Gubaidulina sagte, davor habe sie Angst. Aber der junge, schon weltberühmte Geiger kannte ihre Musik und redete ihr gut zu. "Für mich waren diese Worte etwas Besonderes", erinnert sich die Komponistin. "Ich hatte gehört, wie er sich selbst opferte, für den Ton, für Einzelheiten, für die Liebe." Und sie begann, für ihn zu schreiben.

Da war sie Ende vierzig, lebte in einer Zweizimmerwohnung in Moskau und schlug sich mit Filmmusik durch. Als eigensinnige Komponistin war sie Eingeweihten bekannt, vieles für kleine Ensembles hatte sie geschrieben, einiges für Orchester, ohne Rücksicht auf staatskonforme Ästhetik. Solchen Leuten machte man es in der Sowjetunion schwer. "Durchsichtig vor Hunger und Erschöpfung" sei Gubaidulina damals gewesen, erinnert sich ein Freund. Nicht im Entferntesten war damit zu rechnen, dass sie einmal die wohl berühmteste Komponistin ihrer Zeit sein würde – wohnhaft in einem Dörfchen nordwestlich Hamburgs.

Der Name steht ebenso wenig an der Tür, wie sich die Lebensjahre von ihrem Gesicht ablesen lassen. Man könnte die zierliche, wache, schwarzhaarige Frau auf Ende 60 schätzen. Tatsächlich kam sie am 24. Oktober 1931 in Tschistopol zur Welt, in der Tatarischen Republik, als Tochter eines Landvermessers, der als gebildeter Muslim stets bedroht unter Stalins Diktatur lebte, und einer russischen Lehrerin. Mit fünf Jahren bekam Sofia Musikunterricht, mit dreizehn schrieb sie ihre erste Komposition auf, es folgte ein Kompositionsstudium in Kasan und Moskau und zum Examen 1959 der erste Dämpfer. Mit ihrer Sinfonie sei sie "auf dem falschen Weg", befand die Kommission.

Ausgerechnet das berühmteste Kommissionsmitglied empfahl ihr hinterher, auf dem "falschen Weg" zu bleiben. Wenn sie von Schostakowitsch erzählt, wird Gubaidulinas freundliche Stimme noch wärmer. "Er war ein sehr guter Mensch, nicht nur ein guter Komponist. Meine Sinfonie war nicht so gut... nicht so gut. Aber er hat etwas gefunden in dieser Musik. Er hat mir gesagt, ich solle zu mir selbst kommen, unabhängig von anderen Meinungen. Das war unglaublich wichtig, bis jetzt ist es wichtig." Aber bis sie sich selbst in ihrer Musik erkannte, war sie Mitte dreißig. "Ich war zu spät entwickelt, als Persönlichkeit."

Von heute aus gehört, wirkt selbst ihr Œuvre bis 1980 wie eine Vorbereitung – auch wenn schon ihre Cellosolostücke von 1974 einen Platz neben denen von Bach und Britten verdienen. Die "Quelle im Verborgenen", die Gidon Kremer erlebt hatte, als er Gubaidulinas Musik in Moskau hörte, brach auf, als das Violinkonzert für ihn entstand. Offertorium nannte sie es, Opfer. Ausgehend vom berühmten Thema des Musikalischen Opfers von J.S. Bach, das im Verlauf der Komposition selbst "geopfert" wird, und immer an Kremers Hingabe denkend. Der hatte die Moskauer Taxifahrt längst vergessen, als ihm 1980 eine Partitur mit Widmung geschickt wurde.

Er war völlig überrascht. Er studierte das Werk. Bohrend und tanzend, heiser und aggressiv, singend, kämpfend, fortspinnend führt die Geige das Orchester durch Klangwelten von magischer Kraft. Wie Trompetenschreie ineinanderschmelzen, sich lichte Inseln bilden, wie ein Streicherchoral immer wieder von einer dunklen Chiffre aus Klavier, Harfe und großem Gong im Ungewissen gehalten wird, das alles entfaltet sich in einem Ganzen von einzigartiger Sogkraft. Kremer begriff, dass er etwas Großes ausgelöst hatte.

Er führte es auf, mit großen Orchestern, von Wien bis New York. Gegen zähneknirschenden Widerstand der Deutschen Grammophon erpresste der Weltstar eine Aufnahme, die heute zu den Kronjuwelen des Labels zählt. Das Stück schlug ein. Die westliche Avantgarde bestaunte die Gewissheit, mit der hier völlig Neues geschah, ohne eigentlich neue Techniken und Systeme. Und es ging so weiter. Luigi Nono , der strenge Große der Avantgarde, überschlug sich fast, als er 1986 die neue Sinfonie Stimmen...Verstummen... hörte. Diese Musik, schrieb er, "blüht, explodiert und trifft".