"Die Forschung in den Archiven wird vernachlässigt, jeder glaubt, im Internet sofort alles zu finden", amüsiert sich auch Herbert Stoyan, Erster Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Genealogischer Verbände, in der gut 60 genealogische Vereine organisiert sind, von der Arbeitsgemeinschaft Ostdeutscher Heimatforscher bis zum Verein für Genealogie in Nordwürttemberg. Zudem: Werde einmal Falsches kopiert und wieder kopiert, dann lasse sich das nur schwer wieder aus der Welt respektive dem Netz schaffen. "Als Familienforscher müssen Sie kommunikativ sein", umschreibt Stoyan die Tugenden des Genealogen. "Sie müssen losgehen, fragen und mit Widerständen rechnen."

Seine Stimme wird fast fröhlich: "Nun sind die Familien meistens verkracht, oft wegen irgendwelcher Erbschaftssachen." Aber da dürfe man sich nicht entmutigen lassen, man müsse allen auf die Pelle rücken, wolle man erfahren, wo Onkel Rudi eigentlich abgeblieben sei und was es mit dem angeblich oder nicht angeblich unehelichen Kind von Tante Adele auf sich habe. Zuweilen löse sich ein familiärer Zwist im Schatten der wiederentdeckten Vorfahren in Wohlgefallen auf. Manchmal aber beginnt er dann auch erst richtig.

Stoyan wurde Genealoge, als ihm ein Großonkel sein Familienarchiv übergab, das dieser wiederum von seinem Urgroßvater erhalten hatte. Bei Uwe Henz, dem Zweiten Vorsitzenden der Genealogischen Gesellschaft Hamburg, war das anders: "Eines Tages habe ich meine Mutter gefragt, wie diese gut 25 Personen, die immer zu den Geburtstagen meiner Eltern zusammenkamen und die nur Onkel und Tante hießen, eigentlich miteinander verwandt seien. Und sie hat mir das geduldig erzählt.

So entstand ein erster Stammbaum: 14 DIN-A4-Bögen, im Querformat aneinandergeklebt." Das Wohnzimmer in seinem Haus am Stadtrand von Hamburg ist zugleich Arbeitszimmer mit Archiv. Seit er Rentner ist, betreibt er die Familienforschung mit Lust und Freude. "Es gehen ständig neue Türen auf. Hat man etwas gefunden, stellt sich gleich die nächste Frage." Außerdem sei Eile unnütz – er zitiert ein Wort aus Genealogenkreisen: "Die Toten laufen uns ja nicht weg." Die Frage sei nur, wie lange man selbst noch lebe.

Uwe Henz arbeitet schon "seit Ewigkeiten" mit dem Computer. Zurzeit würde er gerne auf Windows 7.0 umstellen, ist aber noch ein bisschen bange, ob sich alle seine Daten, die er in den vergangenen Jahren in den Rechner eingegeben hat, reibungslos überspielen lassen. Immerhin gab es Phasen, da hat er pro Tag bis zu 300 Namen erfasst – etwa die Heiratsdaten der fünf Hamburger Hauptkirchen seit 1730. Drei Millionen Datensätze sind so zusammengekommen, die von seinen Vereinsfreunden eingesehen werden können. Doch auch er will die Macht digitaler Archive nicht überschätzen: "Wir bekommen immer mal wieder Anfragen aus Amerika nach Mailinglisten über alle in Deutschland je erfolgten Geburten – aber so etwas wird es nie geben."

"Wir sind von einem Virus befallen, wir werden nie zu Ende kommen", bekennt auch Helmut Belthle vom Arbeitskreis Scharfrichterforschung, ein Nachfahre des letzten Scharfrichters von Tübingen. Zum Thema kam er als 16-Jähriger: Hinter vorgehaltener Hand wurde etwas über einen Vorfahren geraunt, der Scharfrichter gewesen sein sollte – und Belthle blätterte in den ersten Kirchenbüchern.

"Steinmeier – das ist ein Scharfrichtername"

Doch über die Erforschung der eigenen Familie hinaus möchte er das Bild des Scharfrichters geraderücken. "Das Klischee vom Mann mit der Kapuze, der brutal das Beil fällt, ist grottenfalsch. Das waren sachkundige Leute! Der Scharfrichter war ausgewiesener Mediziner, er war Experte für Seuchen, und die Leute hatten, soweit man bisher weiß, einen recht normalen Umgang mit ihm." Seine mittlerweile 40-jährige Forschertätigkeit hat Belthle zum Experten gemacht, der zu Historikertagungen eingeladen wird. Dabei ist ihm die genealogische Neugier geblieben: "Schon interessant, was aus den Familien geworden ist. Ich könnte Ihnen da Namen nennen, da würden Sie mit den Ohren schlackern." Und nach einer wohlakzentuierten Pause: "Gehen Sie nur mal in die Bundespolitik. Der Name Steinmeier etwa – das ist ein Scharfrichtername."

Im Übrigen gebe es unter Familienforschern immer wieder köstliche Zufälle und bizarre Begegnungen. "Bei einer Versammlung breitete neben mir ein Herr seinen Familienstammbaum aus, von einer Familie namens Rothe. Als ich ›Rothe‹ las, läutete bei mir was, und ich fragte ihn: ›Gibt es in Ihrer Familie einen Verwalter des Klosters Hirsau, der durch Unterschlagung in Ungnade fiel und der 1834 in Calw hingerichtet wurde?‹ Er bejahte verblüfft. Da sagte ich: ›Gestatten, Belthle – mein Vorfahr hat ihn enthauptet.‹ Wir sind trotzdem ganz gut miteinander ausgekommen."