Das Auto brettert über die schnurgerade Straße, der 27-jährige Adnen Sendy dreht die Musik laut: Rap mit Ausschnitten einer Gadhafi-Rede. Alles lacht. Hinter uns liegt Gafsa, das Tor zum Süden. In der Gegenrichtung rast eine fette Limousine vorbei. Adnen und der Fahrer blicken sich vielsagend an. Auf dieser Strecke werden Drogen, Treibstoff und Waffen geschmuggelt.

Wir fahren westwärts ins Phosphatbecken, das sich über 6000 Quadratkilometer erstreckt. Phosphat, der einzige Bodenschatz Tunesiens, ist Zusatzstoff für Waschmittel, Farbe, Futtermittel und Grundstoff für Dünger. Unser Ziel heißt Moularès, eine Kleinstadt nahe der Grenze zu Algerien. Dort wollen Adnen und seine Freunde eine Wahlveranstaltung abhalten. Ihre Partei heißt CPR, sie ist klein, mittellos und demokratieverrückt, lebt vom Enthusiasmus ihrer Mitglieder.

Am kommenden Sonntag wählt Tunesien seine verfassunggebende Versammlung . Die ersten freien Wahlen in einem arabophonen Land, ein weltgeschichtliches Ereignis. Da lastet viel auf den 10,3 Millionen Tunesiern. Sie haben immerhin einen Diktator davongejagt, aber Demokratie lernen sie erst. Unter dem Machthaber Ben Ali hatten sie erfahren, dass Politik ein Lügengespinst sein kann, und so kommt es, dass selbst aufgeklärte Bürger auf die Idee verfallen, dass irgendwer im Hintergrund alle Strippen zieht, der Internationale Währungsfonds, der Mossad, Amerika, Qatar oder auch die Freimaurer.

Allmählich kommt Moularès in Sicht, eine Stadt gewordene Tristesse. Hier ist jeder Zweite arbeitslos. Ohne den Islam würde alles im Suff versinken. Es gibt kein Grün. Am Ortseingang höhnt ein Schild: "Boulevard d’Environnement", Umweltboulevard. Überbleibsel der Propaganda des Diktators. Das Schild ist der Treffpunkt mit den CPR-Aktivisten, großes Hallo, einer von ihnen ist ein Lulatsch mit roter Riesenbrille, überhaupt tragen viele von ihnen bizarre Brillen, sie ist das Symbol der Partei. Im Binnenland Tunesiens leben Analphabeten, also hat jede Partei ein Symbol, da gibt es Pandabären, Peace-Zeichen, Baguettes und eben die rote Brille. Wieso die? Der Lulatsch stellt die Gegenfrage: "Warum tragen Sie eine?"

Die Brille, der Panda und das Brot sind auch an jener Mauer zu sehen, die für die Wahlplakate vorgesehen ist. Für jede Liste zwei aufgemalte Rechtecke, gleiches Recht für alle, insgesamt 100 Flächen. Nach Moularès haben es freilich nur wenige Werbetrupps geschafft, die meisten Rechtecke bleiben unbeklebt.

Der Gemeindesaal ist voll. Plötzlich hopsen junge Typen auf die Bühne, das ist die Gruppe RDGM, was "Rap de grand Moularès" bedeutet. Sie singen vom revolutionären Januar, und das heißt im Phosphatgebiet: Januar 2008. Denn auch wenn es die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Sidi Bouzid war, welche im Dezember 2010 jene Protestwelle auslöste, die am 14. Januar schließlich den Diktator wegfegte – der Anfang vom Ende des Regimes liegt weiter zurück.