Insofern hatte Alex Salmonds Scottish National Party recht, als sie sich bei der deutschen Werbeaufsicht gegen die Verwendung des Slogans "Schottenpreise" wandte. Die Assoziierung von Schotten mit Knauserei, argumentierte die Partei, sei beleidigend, unzeitgemäß und irreführend.

In der Tat. Die Ursache der bevorzugten Behandlung der Nordbriten ist eine in den siebziger Jahren von dem englischen Lord Barnett ausgeklügelte Formel zur Verteilung der Staatseinnahmen unter England, Schottland, Wales und Nordirland. Der schottische Anteil wurde über die Jahre immer größer. Der Lord findet das Ergebnis seines Rechenkunststückes heute grotesk. Schottland ist nicht ärmer als England. Edinburgh hat das nach dem Londoner Stadtteil Notting Hill zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen Großbritanniens. Die Immobilienpreise in den einst armen Highlands sind inzwischen fast so hoch wie am Starnberger See.

Aber kein Londoner Politiker wagt es, die Schieflage auszutarieren. Niemand will die Nationalisten vor den Kopf stoßen. Kurioserweise haben die sogar eine gute Presse, weil man ethnischen Minderheiten nicht gern zu nahe tritt.

Im kaledonischen Wunderland aber trägt man die Abneigung gegen alles Englische zur Schau. Selbst die literarische Elite hört auf die nationalistischen Sirenengesänge. Die Erzählerin Shena Mackay sagt, sie wünsche sich ein ganz und gar schottisches Schottland, in dem man in keinem Laden einen englischen Tonfall vernehme.

Die auch in Deutschland geschätzte Schriftstellerin A. L. Kennedy räumt immerhin ein, Alex Salmond habe "einen Kopf wie eine warme Kartoffel". Aber ein unabhängiges Schottland werde vielleicht – immerhin "vielleicht" – anders sein als England, "wo die Reichen prosperieren und die Armen ... nun ja, sterben". Der Bestsellerautor Iain Banks sagt, warum: "Wir sind gemeinschaftsbewusster, egalitärer und weniger überzeugt vom Primat des Wettbewerbs."

Das kommunitaristische Credo versagt allerdings schon am Beispiel Glasgows. Die Lebenserwartung im Osten der Stadt ist niedriger als im Gaza-Streifen. Aber daran sind in der nationalistischen Mythologie nicht soziale Verwahrlosung sowie hemmungsloser Tabak-, Whisky-, Drogen- und Frittenkonsum schuld, sondern Margaret Thatcher.

Die Eiserne Lady dient immer noch als Buhfrau für alles, was schiefgeht, obwohl sie schon vor über zwei Jahrzehnten von der eigenen Partei aus dem Amt gekippt wurde. Auch am Niedergang der schottischen Banken soll sie schuld sein. Im März 2008 schwärmte Ministerpräsident Alex Salmond an der Harvard University in einem als "Rede des Keltischen Löwen" in die Annalen eingegangenen Vortrag noch von der Solidität der altehrwürdigen Edinburgher Geldinstitute. Sie hätten den Ruf schottischer Wirtschaftskraft in die Welt getragen. Ein keltischer "Wohlstandsbogen" spanne sich über den Nordwesten Europas, von Irland über Island bis Norwegen, ein von Großbritannien befreites Schottland könne sich dort wunderbar eingliedern!