Vierzig Meter überragt die Ruine das Messegelände: Gewehrkugeln und Granaten haben die Außenmauer vernarbt und zeugen vom jahrzehntelangen Krieg, der Afghanistans Wirtschaft ruiniert hat. Doch an diesem Samstag im Oktober 2011 ist Geschäftigkeit auf das Messegelände zurückgekehrt. Zu Tausenden drängen die Menschen über einen roten Teppich, hin zu einem Zelt, das die afghanische Industrie- und Handelskammer errichtet hat. Bereits um zehn Uhr muss die Polizei den Zutritt beschränken, damit die 21.000 Unternehmer Kabuls geordnet ihren lokalen Kammervorstand wählen können.

Basarhändler, Transportunternehmer und Hersteller von Trockenfrüchten sind gekommen, schiitische Hazara, Tadschiken und Paschtunen. In einer separaten Schlange warten Frauen auf Einlass, mit und ohne Burka. Dreißig Prozent der Kammermitglieder sind weiblich, meist in der Herstellung von Teppichen, Schmuck und Kunsthandwerk tätig, in Heimarbeit oder als Subunternehmerinnen von großen Manufakturen.

Die Wahlbeteiligung wird am Ende über fünfzig Prozent betragen – für Kammerwahlen ein sehr hoher Wert – und den Wunsch der Kabuler Geschäftswelt nach politischer Gestaltung und Mitsprache zum Ausdruck bringen. Kabul ist die vorletzte von 21 Provinzen, in denen sich die Handelskammer in den ersten freien und transparenten Wahlen konstituiert. Die jeweiligen Provinzvorstände werden dann in wenigen Tagen ihren Repräsentanten für ganz Afghanistan bestimmen.

Von einer "demokratischen Bewegung" spricht Azarakhsh Hafizi, einer der beiden aussichtsreichsten Kandidaten. Hafizi leitet eine internationale Handelsgesellschaft für Teppiche und Trockenfrüchte und stand selbst jahrelang der International Chamber of Commerce and Industry vor, einer Parallelkammer, die von den USA geschaffen wurde und erst vor Kurzem mit der afghanischen Kammer fusionierte. "Früher sind die Präsidenten der Handelskammer einfach von der politischen Führung bestimmt worden", sagt Hafizi, "das hat den Leuten nicht gefallen."

Mit dem letzten autokratisch bestimmten Kammerpräsidenten hatte die Geschäftswelt wenig Glück: Sherkhan Farnoud gilt als einer der besten Pokerspieler der Welt – und hat die größte Bank des Landes verzockt. Im vergangenen Jahr schrieb die Kabul Bank einen Verlust von fast einer Milliarde Dollar, verursacht durch dubiose Kredite an die Eigentümer, zu denen auch Mahmud Karsai gehört, der Bruder des afghanischen Präsidenten. Auch er hat bisher zu der Seilschaft des Kammervorstands gehört, trat aber zur aktuellen Wahl gar nicht erst an. Die Ermittlungen gegen Farnoud laufen halbherzig, die Kabul Bank wurde verstaatlicht, um ihren Kollaps zu verhindern. Die landesweite Kammerwahl soll nun laut Hafizi "echte Repräsentanten in einem fairen Prozess" hervorbringen – anders als die vergangenen afghanischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, bei denen es zu massiven Betrugsfällen kam.

Khanjan Alokozai ist Fürsprecher des Mittelstandes und fordert, den Grenzverkehr mit Pakistan besser zu regeln, die Grundstücksrechte in Afghanistan endlich zu klären und die Versorgung der Wirtschaft mit Bankkrediten zu sichern. Es fällt auf, dass die Streitfragen der Kammerpolitik nicht entlang ethnischer Fragen diskutiert werden, wie sonst jedes politische Thema in Afghanistan. Es geht um die Kleinen und die Großen, um freien Handel versus Schutzzölle für das produzierende Gewerbe. Und um die "afghanische" Fraktion der Kammer versus die "internationale".

Der Deutschnamibier Eckard Schleberger gehört zu den Wahlbeobachtern. Er berät im Auftrag der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ die afghanische Kammer bei ihrer Neugründung. "Hier formiert sich gerade die größte zivilgesellschaftliche Bewegung Afghanistans. Die Wirtschaft emanzipiert sich von der Politik", sagt er begeistert. Er hat bereits Kammern in einem halben Dutzend Ländern bei der Formulierung von Satzung und Wahlrecht, Zielen und Politik beraten. "Es geht um ganz grundlegende Dinge. Zum Beispiel kann niemand genau sagen, wie es um die afghanische Wirtschaft überhaupt steht."

Das Ergebnis der Kammerwahl in Kabul lässt hoffen: 17 der 19 Kandidaten sind neu, zwei davon Frauen. Alte Seilschaften haben sich aufgelöst. Auch in den anderen Provinzen wurde die Hälfte der Vorstände durch die Wahl ausgewechselt. Ein klares Zeichen für einen demokratischen Reformprozess und ein Wink an die Politik, es der Wirtschaft gleichzutun.