Ilse Aichinger hat sich oft beklagt. Hätte man sie gefragt, ob sie einverstanden sei, geboren zu werden, sie hätte abgelehnt. Das Leben sei eine Zumutung. Das Sterben aber auch.

Am 1. November wird diese große Anarchistin der deutschsprachigen Literatur 90 Jahre alt. Sie hat das befürchtet, alle in ihrer Familie sind alt geworden. Alle bis auf ihre Großmutter, ihre Onkel und Tanten, die im Vernichtungslager Minsk ermordet wurden, während Ilse Aichinger mit ihrer Mutter in Wien den Holocaust überlebte. Aber: "Man überlebt nicht alles, was man überlebt." Auch das ein Aichinger-Satz aus dem Eisfach der Nachkriegsliteraturgeschichte, die ohne diese radikale Verneinungskünstlerin so viel ärmer wäre.

Einen einzigen Roman hat sie geschrieben, Die größere Hoffnung, ein Titel, den sie 1948 noch ernst meinte, erst später sprach sie davon, dass man mit dem Unlösbaren leben müsse. Ihre Sprachskepsis ist radikaler als die ihres aristokratischen Landsmannes Hofmannsthal, sie schärft und härtet jeden Satz und jeden Vers, den Ilse Aichinger in sieben Jahrzehnten geschrieben hat.

Allzu viele Sätze und Verse sind es nicht geworden. Ihr Gesamtwerk ist minimalistisch, jeder Jungautor überflügelt es in zwei Jahren spielend an Umfang und Seitenzahl. Ihr Ziel: das "Immer-knapper-Werden". Wozu eine Geschichte auf die andere häufen? Nur die "notwendigen Bewegungen" zählen.