Mit seinem roten Haarschopf und den zerknautschten Gesichtszügen sieht Brian Moynihan aus wie direkt einer Werbung für irisches Guinness entsprungen. Doch statt gemütlich ein Bier zu stemmen, hat Moynihan in den vergangenen Monaten mehr öffentliche Auftritte über sich ergehen lassen, als Präsident Obama Wahlkampfreden hielt. Fast immer wirkt Moynihan dabei angespannt, oft spricht er ohne Pausen, die Worte stolpern aus seinem Mund, er verschluckt die Enden. Den "Murmler" nennen ihn selbst seine Kollegen hinter seinem Rücken. Für andere ist Brian Moynihan der gefährlichste Banker der Welt.

Der 52-Jährige ist Vorstandschef der Bank of America. Das Institut ist außerhalb der USA kaum bekannt, doch sein Kollaps könnte die aktuelle Krise in ein Desaster verwandeln. Die B of A, wie die Finanzwelt sie nennt, ist über ein Netz aus Kontrakten, Krediten und Sicherheiten mit Banken rund um den Globus verbunden. "Die Bank of America ist geradezu die Definition einer systemisch relevanten Finanzinstitution", sagt William Black. "Ein Kollaps würde Lehman Brothers wie ein Schlagloch aussehen lassen. Wenn die B of A fällt, gehen wir alle über die Klippe." Der Forscher weiß, wovon er redet. Als Regulierer räumte er den großen US-Sparkassenskandal der neunziger Jahre mit auf.

Die Bank ist mit ihrer Bilanzsumme von 2,2 Billionen Dollar ein Riese – die Summe entspricht dem Bruttoinlandsprodukt von Griechenland, Portugal und Spanien zusammen. Gut 57 Millionen Amerikaner sind Kunden, und so gut wie alle US-Großunternehmen sind es auch. Moynihans Institut hat mehr Filialen in Nordamerika als Kentucky Fried Chicken. Geht es der Bank schlecht, geht es dem Land schlecht – und die Alarmzeichen, dass es der Bank schlecht geht, haben sich in den vergangenen Wochen gemehrt.

Mit 250 Milliarden Dollar hat der Staat geholfen, doch das reicht nicht

Drei Jahre sind seit dem Untergang von Lehman Brothers vergangen, und die miesen Hypothekenkredite, die einst deren Absturz verursachten, verschwanden aus den Schlagzeilen. Doch dann erhob Anfang September die FHA, die Aufsicht der öffentlich-rechtlichen Hypothekenaufkäufer Fannie Mae und Freddie Mac , Klage gegen 17 Banken. Der Vorwurf: Die Banker seien mit der Vergabe von Krediten an überforderte Schuldner nicht bloß nachlässig gewesen, sondern hätten Fannie und Freddie bewusst Schrott angedreht. Und zuallererst hat die FHA die Bank of America im Visier, die alle Vorwürfe zurückweist. Die Behörde behauptet, genügend Beweise zu haben.

Für die B of A sind die Hypotheken die Schicksalsfrage. Das Institut verwaltet viele Milliarden Dollar solcher Hypotheken. Die Regierung und die Notenbank haben über drei Jahre hinweg 250 Milliarden Dollar an Krediten und Garantien bereitgestellt, um es zu stabilisieren, doch immer noch tun sich neue Risse auf. "Zombie" nennt die Wall Street diese Bank.

Ins Reich der Untoten haben sie Profitgier und Größenwahn katapultiert. Schuld ist Angelo Mozilo, Metzgerssohn aus der Bronx, dem New Yorker Arbeiterviertel. Mozilo war mit seiner Firma Countrywide ein Pionier und wurde mit Countrywide zum Marktführer bei Darlehen an Kunden mit mangelhafter Bonität. Mozilos Dealer reichten zwischen 2005 und 2008 knapp 500 Milliarden Dollar an Hypotheken aus. Das Geschäftsmodell war simpel: Countrywide lieh sich Kapital von großen Banken und vergab damit Hypotheken. Kaum hatten die Kunden den Kreditvertrag unterschrieben, verkaufte Mozilos Truppe ihn mit Gewinn an die großen Banken. Diese kreierten daraus Wertpapiere und verkauften sie weltweit an Investoren. Es war wie Gelddrucken. Bald ließ sich der stets tief gebräunte Mozilo nur noch in einem goldenen Rolls Royce herumchauffieren.

Um das Wachstum anzuheizen, senkten die Kreditverkäufer ihre Anforderungen an die Bonität der Schuldner auf immer neue Tiefen. Selbst Mozilo wurde es unheimlich. Als "toxisch" bezeichnete er einmal die hauseigenen Angebote in einer internen E-Mail. Doch als sein Unternehmen zu wackeln begann, fand er 2008 einen willigen Käufer. Einen mit noch maßloseren Träumen: Ken Lewis, damals Vorstandschef der Bank of America und ehrgeizgetriebener Vorgänger Moynihans.

Wie Mozilo hatte Lewis weitab der noblen Geldhäuser der Wall Street seine Karriere begonnen. Er startete Ende der sechziger Jahre als Sachbearbeiter in Charlotte, im Bundesstaat North Carolina, bei NCNB, der Vorläuferinstitution der Bank of America. Zusammen mit seinem Boss begann Lewis eine nie da gewesene Übernahmejagd. In wenigen Jahrzehnten schluckte die Provinzbank aus dem tiefen Süden rund 3.000 Geldinstitute, Kreditkartenherausgeber und andere Finanzdienstleister. Das machte die Bank of America, wie das Konglomerat bald hieß, zum Erzrivalen der Branchenführer Citigroup und JP Morgan Chase. Eine Genugtuung für Lewis, der sich als junger Banker in der New Yorker Niederlassung von den arroganten Finanziers der Wall Street geschnitten fühlte. Nicht einmal eine Hypothek habe man dem Provinzling dort geben wollen, wird kolportiert.