In Raum 107 des Berliner Abgeordnetenhauses sitzen die Piraten vor ihren aufgeklappten Laptops und rufen nach "Plätzchen". Plätzchen ist ein dicker blonder Junge, der den WLAN-Router zum Laufen bringen soll, denn ohne Internet keine Fraktionssitzung. Sämtliche Treffen der Piraten sind öffentlich, Interessierte können persönlich oder online dabei sein. Die Sitzungen werden per Livestream übertragen, das Protokoll im Pad geführt, einer Art digitalem Notizblock mit Diskussionsleiste, in der während der Sitzung Kommentare und Vorschläge gepostet werden können.

Tagesordnungspunkt 6.1 ist "Wowi einladen". "Der hat sich bei uns noch nicht vorgestellt", sagt Simon Kowalewski. Wowi solle ihnen doch einmal persönlich erklären, warum man ihn zum Regierenden Bürgermeister wählen sollte. Kaum hat Kowalewski zu Ende gesprochen, gibt es im Pad erste Reaktionen. Einer der Fraktionspiraten liest sie vor: "Die Leute schreiben, wir sollten uns nicht auf Wowereit kaprizieren, sondern die Sachthemen in den Vordergrund stellen." Bei den Piraten kann jeder in Echtzeit mitreden.

Ihr Erfolg hat die anderen Parteien unruhig gemacht. Sie wollen jetzt demonstrieren, dass auch sie Internet können. Die Bundesregierung hat einen YouTube-Kanal eröffnet, User können dort Fragen an die Kanzlerin stellen. Peter Altmaier, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU im Bundestag, schrieb in der FAZ eine Seite über das Internet und seine Lust am Twittern. Viel Reaktion auf eine Partei, die gerade mal in einem Landtag vertreten ist. Offenbar möchte so mancher zeigen, dass auch in ihm ein kleiner Pirat steckt, das gilt schließlich als modern und fortschrittlich. Die Piraten stehen für das Neue. Aber eigentlich sind sie alte Bekannte: Sie sind die, mit denen auf dem Schulhof keiner spielen wollte.

"Die meisten von uns Piraten verbindet die Außenseitererfahrung", sagt Fabio Reinhardt. Er sitzt im ICE auf dem Weg nach Braunschweig. Seine ehemalige Schule hat ihn eingeladen, er soll dort von den Piraten erzählen und wie es ist, Politiker zu sein. Er kehrt als gefragter Mann dahin zurück, wo er einst zu den Nerds gehörte. "Du wirst nicht zum Nerd, weil du vor dem PC sitzt und dich deswegen ausgrenzt, sondern du sitzt vor dem PC, weil du ausgegrenzt wirst", sagt er. Jetzt, wo Computer und Internet das alltägliche Leben bestimmen, haben sich die Rollen vertauscht. Alle wollen Teil der digitalen Welt sein, in der die Nerds schon seit Jahren zu Hause sind, weil sie einst ihr Zufluchtsort war.

Nun sind die Nerds diejenigen, bei denen die anderen mitspielen wollen. Die Frage ist nur, ob die Piraten es schaffen werden, die Spielregeln zu bestimmen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio