Mit politischer Macht verhält es sich wie mit Millionen von Euro auf dem Konto: Man spricht nicht darüber. Man hat sie einfach. Deutschland ist damit in Europa jahrzehntelang ganz gut gefahren – wichtig zu sein, ohne darüber allzu viele Worte zu verlieren. Jede deutsche Regierung war groß darin, sich im Zweifel politisch klein machen zu können. Aber damit ist es vorbei. Man kann den deutschen Einfluss jetzt hören.

Man hört ihn in Brüssel, in dieser dramatischen Woche mit ihren Rettungsgipfeln und nächtlichen Krisensitzungen. Ob Deutschland die Griechen nun noch mehr an die Kandare nehmen wolle, wird der Vertreter eines kleineren EU-Landes gefragt. Er holt tief Luft, dann entgegnet er: "Die Frau Bundeskanzlerin ist eine sehr mächtige Frau." Mehr sagt er nicht. Eine italienische Diplomatin sagt, Merkel sei nicht nur stark, weil sie das größte Land vertrete. "Sie ist so stark, weil sie die Seriöseste in der Runde der Regierungschefs ist. Die anderen haben Angst vor ihr." Und von Romano Prodi, dem früheren Präsidenten der EU-Kommission, ist der Satz überliefert, in Europa sei es mittlerweile so, dass "die Lady die Entscheidungen trifft und der französische Präsident anschließend eine Pressekonferenz gibt, um die Entscheidungen zu erklären".

Man hört den deutschen Einfluss auch in Berlin, im Bundestag, wo die Abgeordneten erneut über den Euro-Rettungsfonds EFSF abstimmen. Viel ist von "unserer Verantwortung" für den Erhalt der Währung die Rede – und ebenso viel davon, dass sich "die anderen" dafür an "unsere Regeln" zu halten hätten.

Man hört jetzt viel über Deutschland in den anderen Hauptstädten Europas, in Paris und Rom und London: Was die Regierung in Berlin alles tun könnte, um die gemeinsame Währung zu retten. Es sind keine Forderungen. Es sind Bitten. Ohne Deutschland, das wissen die 26 anderen Mitgliedsstaaten der EU, kann die Krise nicht gelöst, kann der Euro nicht gerettet werden.

Es mag jetzt bei der Euro-Rettung alles auf Deutschland zulaufen, weil es das einzige Land zu sein scheint, das wirtschaftlich stark genug ist, die Lasten für die anderen zu tragen. Seit Mitte 2009, seit der Rest der Euro-Zone immer tiefer in die Krise rutschte, ist Deutschlands Wirtschaftskraft sogar noch gewachsen: Das Bruttoinlandsprodukt stieg um knapp sieben Prozent, die Exporte wuchsen um mehr als 25 Prozent. Es gehört, wenn man so will, zum Konstruktionsprinzip einer Währungsunion, dass es einen Starken gibt, der bereit sein muss, mehr als andere zu schultern, um die Gemeinschaft zusammenzuhalten – und der dafür dann auch die Richtung bestimmt.

Aber Deutschland ist ein Hegemon wider Willen. Es ist auf diese Rolle nicht vorbereitet und hat sie auch nie angestrebt. Sie fällt dem Land mehr zu, als dass es sie sich nimmt. Zum deutschen Selbstverständnis zählt es, gute Autos zu bauen und gute Maschinen. Aber international voranzugehen? Und so verlangt die Rettung des Euro von der Bundesrepublik nicht nur viel mehr, als sie je wollte. Sondern womöglich auch mehr, als sie kann.

Lange war Frankreich die politische Führungsmacht

"Hegemon" kommt aus dem Griechischen und heißt "Führer". Bis heute geht ein leichtes Zittern durch die Körper der Alten, wenn von deutscher Vormacht in Europa die Rede ist. Wer das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, will niemanden mehr dominieren, muss nirgendwo vorangehen. Es ist diese historische Erfahrung, die dazu führte, dass Deutschland die europäische Einigung forcierte, ohne selbst ganz vorn zu stehen. Die Mitgliedschaft im Klub der vielen machte den Einzelnen kleiner. Bis 1990 war Deutschland zwar das Land des Wirtschaftswunders, aber es war auch politisch nicht souverän. Nach der Wiedervereinigung versteckte das nun souveräne Deutschland die eigene Stärke innerhalb der europäischen Währungsunion. Der Euro wurde nach den Vorstellungen der Deutschen organisiert – mit einer Zentralbank, die genauso unabhängig sein sollte wie zuvor die Bundesbank. Und mit möglichst wenig zwischenstaatlicher Koordination. Aber Deutschland verzichtete eben auch darauf, sich wichtige Posten und Ämter zu sichern. Das war eher die Sache der Franzosen.