Wenn das hier schiefgeht, dann sind mehr als 100.000 Euro weg. Fast zwei Jahre Arbeit wären dann vergebens gewesen. Es wäre nicht das Geld von Christine Grabmair, auch nicht ihre Zeit, und doch hat sie die Sache jetzt gewissermaßen in der Hand. Die Fitnesstrainerin, kurze Haare, weißes Tanktop, türkisblaue Jogginghose, drückt auf einer kleinen Fernbedienung den Knopf mit den Buchstaben "ON". Die Aufzeichnung beginnt. Grabmair klatscht zweimal in die Hände, ruft: "Warm-up, Vollgas!" und legt dann los. Sie kreist die Hüften, boxt die Fäuste in die Luft, kreuzt die Beine in kleinen, schnellen Schritten, schüttelt den ganzen Körper. Die 15 Frauen im Raum machen es ihr nach, aus den Lautsprecherboxen dringen Latino-Rhythmen.

Zumba heißt das, was die Gruppe in Kursraumzwei veranstaltet, eine Art Fitness-Macarena aus Kolumbien. Der Kurs findet jeden Montagabend im Frauenstudio My Sportlady in Taufkirchen statt, südlich von München. Neu ist heute nur die Kamera an der Decke, die im spitzen Winkel auf Christine Grabmair gerichtet ist. Das Gerät soll ihre Tanzschritte aufzeichnen und sie als Videostream auf die Studio-Website übertragen. Wer eine Zumba-Stunde verpasst, kann sie dann nachholen, zu Hause, im Büro, im Hotel, praktisch an jedem Ort mit Internetanschluss. 72 Stunden ist das Video online. Wenn jetzt alles klappt.

Während in Taufkirchen Zumba läuft, sitzt Radostina Ruseva, 28 Jahre, lange braune Haare, große dunkle Augen, kugelrunder Babybauch, in ihrer Wohnung im Westen Münchens und kann nur hoffen. Dass die Kamera nicht versagt, dass die Übertragung klappt, dass bitte alles gut geht. Sie ist die Frau, die auf zwei Jahresgehälter als Angestellte verzichtet und 3.000 Euro Erspartes in eine Idee gesteckt hat, die simpel klingt: Sie will das Fitnessstudio ins Wohnzimmer holen. Ob ihre Idee etwas taugt, zeigt sich dieser Tage in Taufkirchen im Praxistest, in einem echten Studio, mit echten Menschen. Grabmairs Kundinnen entscheiden über Rusevas unternehmerischen Erfolg und darüber, ob es ihre Firma GymZap im Januar auf den Markt schafft. Für Radostina Ruseva steht jetzt alles auf dem Spiel.

936.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr in Deutschland selbstständig gemacht . Sie waren meist zwischen 25 und 44 Jahre alt, überwiegend männlich. Ein Drittel der Firmen wird es nach drei Jahren nicht mehr geben, und aus denen, die überleben, werden nur selten große Unternehmen hervorgehen. Es heißt, Deutschland sei eine Angestelltenrepublik, in der der feste Job noch immer über allem stehe, in der die Mehrheit der Uni-Absolventen eine Konzernkarriere anstrebten. Ein Land, dem es an prominenten Rollenbildern für junge Gründer fehle und in dem viele Menschen Unternehmer eher unsympathisch finden. Was also bewegt eine junge Frau, in diesem Land ein eigenes Unternehmen zu gründen? Dazu noch hochschwanger mit ihrem zweiten Kind? Ausgerechnet in diesem Herbst, in dem alles auf eine Rezession zuläuft?

Es gibt viele Statistiken und Schaubilder über die Gründerszene in Deutschland, aber die Geschichten, die sich hinter den Zahlen verbergen, kennt kaum jemand. Radostina Ruseva erzählt so eine Geschichte. Auch ihre zeugt von Hoffnung und Verzweiflung, von Erfolgen und Rückschlägen und der ständigen Gefahr zu scheitern.

Es ist ein wolkenloser Tag im Juli 2007, an dem Radostina Ruseva einen Beschluss fasst. Sie tritt aus einem halbrunden Glaskomplex in Unterschleißheim ins Freie und ist bereit, alles aufzugeben: die Vollzeitstelle bei Microsoft, das Einstiegsgehalt von 4.000 Euro, die Visitenkarte, auf der etwas steht von "Business Solutions" und "Support Engineer". Es ist ein Job, um den sie viele Kommilitonen beneiden, einer, der ihr so zugeflogen sei, wie sie sagt. Genau wie ihr Einserabitur in Bulgarien, das Einserdiplom der Medieninformatik in München, die neun Sprachen, die sie spricht, vier davon fließend. Bis dahin musste Radostina Ruseva nie für eine Sache kämpfen.

Ruseva hat es gut bei Microsoft, aber nach wenigen Wochen langweilt sie sich. Heute sagt sie: "Die Kollegen, der Konzern, die Vorgaben, ich passte da nicht rein." Als sie die Kündigung einreicht, weiß sie noch nicht, was danach kommt. Sie weiß nur, dass sie gründen will, irgendwas. Zuerst war der Wille, später kamen die Ideen. Ruseva geht es zu diesem Zeitpunkt nicht um eine bestimmte Sache, sondern darum, etwas Eigenes zu machen. Erst vier Jahre später ist klar, was das sein wird.