"Eine Klimasteuer muss her" – Seite 1

DIE ZEIT: Sie haben Präsident Obama zum Amtsantritt einen Brief geschrieben und ihm angeboten, ihn in Sachen Klimawandel zu beraten. Haben Sie etwas von ihm gehört?

James Hansen: Weder von ihm noch von seinem Team. Ich bin enttäuscht, dass er die Chance nicht ergriffen hat, eine Lösung für die Klimafrage und gleichzeitig für die Energiesicherheit unseres Landes und unsere Abhängigkeit von ausländischem Öl zu suchen. Die Gesundheitsreform war eben höher auf seiner Prioritätenliste.

ZEIT: Es scheint, dass Umweltfragen und Klimapolitik inzwischen gar nicht mehr auf Obamas Liste stehen.

Hansen: Weil er denkt, dass es ein Thema ist, mit dem sich keine Wahl gewinnen lässt.

ZEIT: Was wäre Ihr Vorschlag für Obama gewesen?

Hansen: Eine CO₂-Steuer. Solange fossile Brennstoffe die billigste Energiequelle bleiben, wird es jemanden geben, der sie verbrennt. Die einzige Lösung bleibt, einen Preis für CO₂-Emissionen zu setzen, der kontinuierlich anzieht. Dann würden breite Anstrengungen unternommen, Energie effizienter zu nutzen, alternative Energiequellen könnten wettbewerbsfähig werden. Fossile Brennstoffe sind nur so billig, weil die Folgekosten wie Krankheiten und Umweltverschmutzung bisher allein durch die Allgemeinheit getragen werden.

ZEIT: Wie darf man sich Ihr Modell konkret vorstellen?

Hansen: Die Klimasteuer würde von den Energieunternehmen eingesammelt werden, und das Geld sollte dann an die Bevölkerung ausgeschüttet werden, um die höheren Energiepreise auszugleichen. Wenn man das den Leuten richtig erklärte, wären sie sicherlich davon zu überzeugen. Leider traut sich kein Politiker, die Wahrheit zu sagen.

ZEIT: Was ist mit dem Emissionshandel als Instrument zur CO₂-Reduzierung? Es scheint zumindest eine Idee zu sein, die noch am meisten Aussicht hat, in den USA umgesetzt zu werden. Es gibt sogar bereits mehrere Gesetzesinitiativen von Kongressmitgliedern.

Hansen: Und warum? Weil einige Leute erkannt haben, wie man damit Geld verdienen kann. Der Emissionshandel in den USA würde ein Billionenmarkt, besonders für die Wall-Street-Banken – und wo kommt das Geld her? Von der Allgemeinheit. Cap & Trade ist eine Erfindung der Leute, die gerne so weitermachen wollen wie bisher. Doch es funktioniert nicht. Schauen Sie sich doch das europäische System an. Und auf globaler Ebene wird es erst recht nicht funktionieren. China und Indien werden eine Kappungsgrenze für ihre Wirtschaft sicher nicht akzeptieren.

ZEIT: Eine Klimasteuer fände mehr Anhänger?

Hansen: Da gibt es gute Argumente, die dafür sprechen. China will nicht so abhängig von fossilen Brennstoffen werden, wie es die Vereinigten Staaten heute sind. Außerdem werden China und Indien deutlicher unter dem Klimawandel leiden als etwa Europa . Und anders als hier in den USA leugnet die politische Führung nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

ZEIT:In den USA ist der Klimawandel fast schon zur Glaubensfrage geworden .

Hansen: Das ist kein Zufall. Die Leute, die weitermachen wollen wie bisher, fordern, dass man alle Seiten hören müsse. Egal, ob ihre Ansicht wissenschaftlich untermauert werden kann oder nicht. Dadurch entsteht für die breitere Öffentlichkeit der Eindruck, dass es sich auch dann um Meinungen handelt, wenn es sich um objektive wissenschaftliche Erkenntnisse handelt.

"Wir hätten das Klima wie im Pliozän"

ZEIT: Das Ansehen von Klimaforschern hat schwer gelitten durch "Climategate" – dabei kamen E-Mails zutage, die man als gezielte Manipulation deuten kann.

Hansen: Zugegeben, die einzelnen Formulierungen waren unglücklich, aber die Ergebnisse der betreffenden Wissenschaftler sind inzwischen mehrfach von anderen Kollegen bestätigt worden. Da sind einzelne Sätze aus dem Zusammenhang gerissen worden, und man hat es so aussehen lassen, als wenn die drei Betroffenen etwas angestellt hätten. Was mit den Wissenschaftlern passiert ist, kann man nur als Charaktermord bezeichnen.

ZEIT: Leidet die Klimaforschung unter dem feindlichen Umfeld?

Hansen: Ich habe schon den Eindruck, dass die Arbeit der Kollegen unter den Attacken gelitten hat. Sie verbringen viel Zeit damit, sich zu verteidigen. Ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr so einfach zu verunsichern bin, aber jüngere Kollegen sind sicher einfacher einzuschüchtern.

ZEIT: Sind Sie persönlich bedroht worden wegen Ihrer Arbeit?

Hansen: Es gab eine Reihe Drohungen, einige klangen so ernst zu nehmend, dass ich sie weitergeleitet habe an die entsprechenden Stellen.

ZEIT: Zu Ihren Kritikern gehören aber auch Umweltaktivisten. Etwa weil Sie für Atomkraft eintreten. In Deutschland feiert die Umweltbewegung den Plan, alle Atomkraftwerke abzuschalten .

Hansen: Das ist eine emotionale und irrationale Entscheidung. Das zeigt sich schon daran, dass der Anlass eine Reaktion auf das Unglück in Fukushima war. Neuere Generationen von Kernkraftwerken haben ein Kühlsystem, das ohne Elektrizität auskommt. Die Debatte über die Atomenergie erinnert mich an die Luftfahrt. Flugzeugunglücke machen Schlagzeilen, dabei ist das Flugzeug erwiesenermaßen das sicherste Verkehrsmittel. Für China und Indien wird es ohne Atomenergie nicht möglich sein, auf fossile Brennstoffe zu verzichten.

ZEIT: Also eine Fehlentscheidung aus Sicht des Klimawandels?

Hansen: Es ist eine Chance, zu beweisen, dass alternative Energien ausreichen, um die Nachfrage zu befriedigen. Wenn ein Land das fertigbringt, dann Deutschland mit seinem Ingenieurwesen und seiner Industrie. Aber es ist eine große Herausforderung. Um die anvisierte CO₂-Reduktion von 40 Prozent bis 2020 zu schaffen und irgendwann die Emission auf null zu bringen, müsste das Land deutlich Energie einsparen und alternative Energiequellen extrem ausbauen.

ZEIT: Und was passiert, wenn wir es nicht schaffen?

Hansen: Ich fürchte, so wie es jetzt aussieht, besteht die Gefahr, dass Deutschland wieder auf Kohle als Brennstoff zurückgreift. Das wäre sehr problematisch. Deutschland gehört zwar heute nicht mehr zu den großen CO₂-Emittenten, aber das Land würde ein schlechtes Signal von Verantwortungslosigkeit senden. Schließlich gehört Deutschland, historisch gesehen, neben Großbritannien und den USA zu den Hauptverursachern. Wenn wir weiter Kohle verbrennen, steht praktisch fest, dass es noch in diesem Jahrhundert zu unumkehrbaren Klimaänderungen kommen wird.

ZEIT: Die da wären?

Hansen: Eine Erwärmung um mehr als zwei Grad Celsius im Schnitt galt bisher als gefährlich. Aber inzwischen gehen ich und andere Forscher davon aus, dass bereits eine Erwärmung um zwei Grad ein Katastrophenszenario zur Folge hätte. Das Eis an den Polkappen würde weitgehend abschmelzen. Das wäre unumkehrbar. Wir hätten das Klima wie im Pliozän, als der Meeresspiegel 25 Meter höher lag. Stellen Sie sich mal vor, was mit all unseren Küstenmetropolen passieren würde. Ein großer Teil der Arten auf unserem Planeten würde aussterben. Die Effekte würden sich bereits zu Lebzeiten unserer Kinder und Enkel bemerkbar machen.

ZEIT: Was erzählen Sie Ihren Enkeln?

Hansen: Ich will sie nicht mit Klimahorrorszenarien erschrecken. Aber ich benutze sie in Reden und in meinem Buch schamlos, um Erwachsene zu rühren. Ich will nicht, dass meine Enkel irgendwann sagen: Der Opa hat erkannt, was passiert, aber er hat es nicht klar genug gemacht.