ZEIT: Das Ansehen von Klimaforschern hat schwer gelitten durch "Climategate" – dabei kamen E-Mails zutage, die man als gezielte Manipulation deuten kann.

Hansen: Zugegeben, die einzelnen Formulierungen waren unglücklich, aber die Ergebnisse der betreffenden Wissenschaftler sind inzwischen mehrfach von anderen Kollegen bestätigt worden. Da sind einzelne Sätze aus dem Zusammenhang gerissen worden, und man hat es so aussehen lassen, als wenn die drei Betroffenen etwas angestellt hätten. Was mit den Wissenschaftlern passiert ist, kann man nur als Charaktermord bezeichnen.

ZEIT: Leidet die Klimaforschung unter dem feindlichen Umfeld?

Hansen: Ich habe schon den Eindruck, dass die Arbeit der Kollegen unter den Attacken gelitten hat. Sie verbringen viel Zeit damit, sich zu verteidigen. Ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr so einfach zu verunsichern bin, aber jüngere Kollegen sind sicher einfacher einzuschüchtern.

ZEIT: Sind Sie persönlich bedroht worden wegen Ihrer Arbeit?

Hansen: Es gab eine Reihe Drohungen, einige klangen so ernst zu nehmend, dass ich sie weitergeleitet habe an die entsprechenden Stellen.

ZEIT: Zu Ihren Kritikern gehören aber auch Umweltaktivisten. Etwa weil Sie für Atomkraft eintreten. In Deutschland feiert die Umweltbewegung den Plan, alle Atomkraftwerke abzuschalten .

Hansen: Das ist eine emotionale und irrationale Entscheidung. Das zeigt sich schon daran, dass der Anlass eine Reaktion auf das Unglück in Fukushima war. Neuere Generationen von Kernkraftwerken haben ein Kühlsystem, das ohne Elektrizität auskommt. Die Debatte über die Atomenergie erinnert mich an die Luftfahrt. Flugzeugunglücke machen Schlagzeilen, dabei ist das Flugzeug erwiesenermaßen das sicherste Verkehrsmittel. Für China und Indien wird es ohne Atomenergie nicht möglich sein, auf fossile Brennstoffe zu verzichten.

ZEIT: Also eine Fehlentscheidung aus Sicht des Klimawandels?

Hansen: Es ist eine Chance, zu beweisen, dass alternative Energien ausreichen, um die Nachfrage zu befriedigen. Wenn ein Land das fertigbringt, dann Deutschland mit seinem Ingenieurwesen und seiner Industrie. Aber es ist eine große Herausforderung. Um die anvisierte CO₂-Reduktion von 40 Prozent bis 2020 zu schaffen und irgendwann die Emission auf null zu bringen, müsste das Land deutlich Energie einsparen und alternative Energiequellen extrem ausbauen.

ZEIT: Und was passiert, wenn wir es nicht schaffen?

Hansen: Ich fürchte, so wie es jetzt aussieht, besteht die Gefahr, dass Deutschland wieder auf Kohle als Brennstoff zurückgreift. Das wäre sehr problematisch. Deutschland gehört zwar heute nicht mehr zu den großen CO₂-Emittenten, aber das Land würde ein schlechtes Signal von Verantwortungslosigkeit senden. Schließlich gehört Deutschland, historisch gesehen, neben Großbritannien und den USA zu den Hauptverursachern. Wenn wir weiter Kohle verbrennen, steht praktisch fest, dass es noch in diesem Jahrhundert zu unumkehrbaren Klimaänderungen kommen wird.

ZEIT: Die da wären?

Hansen: Eine Erwärmung um mehr als zwei Grad Celsius im Schnitt galt bisher als gefährlich. Aber inzwischen gehen ich und andere Forscher davon aus, dass bereits eine Erwärmung um zwei Grad ein Katastrophenszenario zur Folge hätte. Das Eis an den Polkappen würde weitgehend abschmelzen. Das wäre unumkehrbar. Wir hätten das Klima wie im Pliozän, als der Meeresspiegel 25 Meter höher lag. Stellen Sie sich mal vor, was mit all unseren Küstenmetropolen passieren würde. Ein großer Teil der Arten auf unserem Planeten würde aussterben. Die Effekte würden sich bereits zu Lebzeiten unserer Kinder und Enkel bemerkbar machen.

ZEIT: Was erzählen Sie Ihren Enkeln?

Hansen: Ich will sie nicht mit Klimahorrorszenarien erschrecken. Aber ich benutze sie in Reden und in meinem Buch schamlos, um Erwachsene zu rühren. Ich will nicht, dass meine Enkel irgendwann sagen: Der Opa hat erkannt, was passiert, aber er hat es nicht klar genug gemacht.