"Heute nur ein Pussy-Markt"

Am Tag der großen Entscheidung liegt ein gütiger, fast zärtlicher Spätsommer über Deutschland. Es ist der 29. September, der Morgen der Regierungsentscheidung über eine Erweiterung des europäischen Rettungsfonds EFSF. Auch an den Märkten herrscht eitel Sonnenschein, Währungen, Aktien, Anleihen, Gold, alles strahlt grün im Plus. Die Koalition sieht ihre Kanzlermehrheit in greifbarer Nähe, auch die Börsen scheinen davon auszugehen. In den Zeitungen schlägt EU-Präsident José Manuel Barroso vor, die Märkte mit einer Finanztransaktionssteuer zu bändigen, und Industriepräsident Hans-Peter Keitel wirft den "Wolkenmachern" in der Finanzwirtschaft "Transaktionen ohne realwirtschaftliche Grundlage" vor, "ohne Wertschöpfung und zulasten Dritter".

Einer dieser vermeintlichen Wolkenmacher fährt zu dieser Stunde seine Rechner hoch. Unter den Ärmeln des weit geschnittenen Nadelstreifenanzugs blitzen Manschettenknöpfe, neben denen die Initialen "RB" gestickt sind. Rüdiger Born ist Trader. Der 40-jährige Zwei-Meter-Mann mit der markanten Brille und dem beinah kahlen Kopf handelt seit knapp zwei Jahrzehnten mit Währungen, Aktien und Derivaten. Anfangs als Daytrader auf eigene Rechnung, heute als Vermögensverwalter, Finanzcoach und Berater. An diesem Morgen richtet er seine Bildschirme in der Düsseldorfer Zentrale des Brokers IG Markets ein. Und weil er immer gern den Überblick bewahrt, können ihm die Monitore gar nicht groß genug sein. Neben die Tastatur legt er sein "Safe Word Platinum ID"-Passwortschutzgerät. Dann ruft Born pro Bildschirm ein gutes Dutzend Reiter mit Aktien- und Währungskursen aus aller Welt auf, vor allem Terminkontrakte, sogenannte Futures. Überall bauen sich Charts auf, Kurszahlen blinken. Eine Nachrichtenseite ist nicht darunter, auch das Fernsehen bleibt aus. "Entscheidend sind nicht die Nachrichten, sondern die Stimmung", sagt der Trader: "Und die lese ich an den Charts ab."

Wie gereizt diese Stimmung zurzeit ist, hat wenige Tage zuvor ein vierminütiges Interview offenbart. Ein vermeintlicher Börsenhändler hatte dem Fernsehsender BBC prophezeit, dass die Euro-Zone vor dem Crash stehe und Millionen ihr Erspartes verlieren würden. Zu allem Überfluss gestand er sogar, jeden Abend von der Rezession zu träumen. Noch bevor sich herausstellte, dass der Mann ein Aufschneider war, hatte die Nachricht rund um den Globus für Schockwellen gesorgt. Hatte der Unbekannte etwa ausgesprochen, was die Mehrheit der Wertpapierhändler schon lange dachte? "So viel Falsches hat er nicht gesagt", gibt Born zu, "aber vielleicht sollte man seine Hinweise anders darstellen".

Den möglichen Crash im Hinterkopf, begibt sich Born auf die Suche nach einem "Szenario". Doch einen deutlichen Trend kann er noch nirgends ausmachen. Und das, obwohl er sich von japanischen Aktien-Futures über Rentenkontrakte bis zu Währungspaaren wie "Israelischer Schekel versus Polnischer Zloty" eine Menge auf die Monitore holt. "Ist das jetzt ein Bullenmarkt? Nee, eher ein Pussy-Markt", sagt Born gelangweilt.

Während in Berlin Gregor Gysi der Koalition vorwirft, auf den Finanzmärkten "eine unvertretbare Zocke" zuzulassen, interessiert sich Rüdiger Born in Düsseldorf für das Verhältnis zwischen dem amerikanischen und australischen Dollar. Er vermutet, dass einige Leute bald "wie wild" kaufen werden. "Ich find’s klasse, wenn alle das Gleiche machen – da mach ich mit!", betet Born das Trader-Credo. "Aber noch bin ich mir nicht sicher...", er studiert weiter den Kurvenverlauf, "...ob das eine 1, 2, 3, 4, 5-Aufwärtsbewegung wird oder nur eine A, B, C." Also setzt er den "AU$" erst mal nur auf die Merkliste.

Wo andere Zickzack sehen, sieht Rüdiger Born "Chart-Formationen". Als Trader ist er ein sogenannter Charttechniker, Börsenseminar-Anbieter preisen ihn auch als Swing-Trader. Seine Anlagestrategie zielt darauf ab, die Kursschwankungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auszunutzen, um Gewinne mitzunehmen. Dabei orientiert er sich ausschließlich an den Fieberkurven der Märkte, den Charts. Er studiert alte Hochs und Tiefs, Wellenbewegungen und "längerfristige Bewegungsmuster". Objektive Werte und fundamentale Preise gibt es für ihn nicht: "Ob sich eine Firma im nächsten Jahr gut entwickelt, interessiert mich nicht, vielleicht stoße ich das Papier in einer Stunde wieder ab." Anders als etwa Fondsmanagern ist es ihm auch völlig gleich, ob ein Kurs nach oben oder nach unten geht. Durch Leerverkäufe, sogenannte Short-Positionen, kann er auch auf fallende Kurse setzen. "Ich bin kein Investor", sagt Born. Trader kümmerten sich schließlich nur um kurzfristige Liquidität: "Da wird unsere Rolle oft falsch verstanden."

"Gier frisst Hirn, Gier ist böse"

Der Aussie-Dollar steht inzwischen bei 0,9860 US-Dollar. Born vermutet, dass er weiter steigen wird, und setzt einen Einstiegskurs von 0,9865. Der Trader ist überzeugt: "Beim Trading geht es nicht um Wissen, sondern um Wahrscheinlichkeiten." Mathematik statt Bilanzen, Stochastik statt Stammdaten: Jeder Anlage liegt ein exakt kalkuliertes Risiko zugrunde. Schmiert der Kurs ab, begrenzt eine Stopp-Marke Borns Verluste. In diesem Fall setzt er den Stopp-Kurs auf 0,9840, er kann also maximal ein Viertelprozent der Summe verlieren, 250 US-Dollar. Wenn er einen besonders guten Deal wittert, riskiert er schon mal das Zehnfache, "aber das hier wird nicht der Trade des Jahres", scherzt Born. Immerhin: Erreicht der Aussie das gesetzte Kursziel von 1,0074, gewinnt Born 740 US-Dollar. Es ist ein Spiel mit einem Chance/Risiko-Verhältnis von 3:1. "Ich würde mir natürlich 9:1 wünschen", sagt er, "aber das ist hier nicht realistisch." Um sich noch stärker abzusichern, bucht Born die gleiche Position oft doppelt. Wenn ihm dann Zweifel kommen, kann er aus einem Trade aussteigen und sein Risiko halbieren, ohne gleich alle Eisen aus dem Feuer zu nehmen. "Gier frisst Hirn", ist er überzeugt, "Gier ist böse."

Wenn die Charts eine stürmische See zeichnen und sich am Horizont dunkle Wolken brauen, brauchen Anleger eine ruhige Hand, glaubt Born. Einen permanent sicheren Hafen kann er nirgendwo ausmachen, und er bestimmt den Kurs lieber täglich neu. Beispiel Gold und Silber: erst Höhenflug, dann Teil-Absturz. "Hat sich da jetzt fundamental etwas verändert?", fragt Born rhetorisch. "Brauchen wir die Edelmetalle jetzt etwa nicht mehr als sicheren Hafen?" Zong, zong, zong! Plötzlich schießt sein Computer unerwartet ein paar Töne ins Büro, die klingen wie aus einem Ballerspiel. Der Australische Dollar hat den Einstiegskurs erreicht. "Jetzt bin ich drin mit 100.000 Dollar", sagt Born.

Die Abstimmung im Bundestag ist zu diesem Zeitpunkt gelaufen, 523 Abgeordnete haben für die Ausweitung des Rettungsschirms gestimmt. Rüdiger Born hat davon noch gar nichts mitbekommen. Zong, zong, zong!, ballert es wieder. "Oh, da bin ich beim Aussie abgestoppt worden", kommentiert Born cool.

Rote Balken weisen nach unten, jetzt habe er eben 250 Dollar verloren: "Manchmal würfelt man halt eine Eins."

Wachsam und aktiv bleiben, ohne nachrichtengetrieben und hyperaktiv zu werden – das hält Born für die sicherste Strategie. Und dabei nicht nur "long" zu gehen, also auf steigende Kurse zu setzen, sondern gelegentlich einen Dax-Future short oder einen Differenzkontrakt short (CFD) "dagegenzusetzen" Moralisch kann er an der Spekulation auf fallende Kurse nichts Verwerfliches erkennen: "Beim Hauskauf oder auf dem Wochenmarkt versuchen wir doch auch, die Preise zu drücken." Dass viele seiner kurzfristigen Anlagen nie in der Realwirtschaft ankommen, sondern einzig auf den Finanzmärkten hin- und hergeschoben werden, blendet er dabei aus.

Wenn aber alle auf fallende Kurse wetten? "Aufgestapelte Bauklötze fallen halt schneller", weiß Born. Trader seien eben auch dazu da, aufgeblähte Kurse nach unten zu korrigieren. "Das Problem ist eher, dass wir vieles zu lange verschleppen." An manchen Tagen, denkt er, wäre es besser, wenn sie endlich käme, die Große Depression. "Dann könnten wir kreativ von vorn anfangen, und uns um etwas Positives kümmern", sagt Born, und klappt seinen Laptop zu. Er geht zum Lunch und bestellt beim Italiener ein schwarzes Risotto.

In Berlin bestätigt in diesem Moment der parlamentarische Geschäftsführer der Union, dass Angela Merkel die Kanzlermehrheit erreicht hat: 315 Stimmen für die Euro-Rettung.