Wie ein einsamer Stern prangt die Zahl am Ende des Ausstellungstitels: 1989. Das Jahr des Mauerfalls wird derzeit am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) wieder einmal als Inbegriff der Globalisierung oder des sogenannten global turn gesetzt. Gemeint ist damit die Wende zu einer Welt, die mutmaßlich reine vernetzte Gegenwart ist: nicht länger kraftstrotzende westliche Moderne, nicht länger bloße Multikulti-Postmoderne, sondern geprägt durch einen diffusen Zustand, den der Bundesphilosoph von der benachbarten Hochschule für Gestaltung, Peter Sloterdijk, als "hyperkommunikative Verfasstheit" bezeichnet. Alles interagiere, alles sei miteinander synchronisiert, alles stehe durch das frei flottierende Kapital in Beziehung.

Das gelte auch für die Kunst in Zeiten veränderter geopolitischer und ökonomischer Kräfteverhältnisse, befinden die Kuratoren Andrea Buddensieg und Peter Weibel. Gemeinsam mit dem Bildwissenschaftler Hans Belting haben sie The Global Contemporary: Kunstwelten nach 1989 konzipiert. Die Ausstellung erhebt den nicht gerade bescheidenen Anspruch, "die globalen Praktiken darstellbar zu machen, die zur Veränderung der zeitgenössischen Kunst geführt haben".

Man ahnt, dass "globale Praktiken" punktuell anschaulich zu machen ein herkulisches Unterfangen ist – auch für den Betrachter. Ein Blick auf die Werkliste mit über 100 Künstlern aus aller Welt zeigt, dass man alleine für die Videoarbeiten grob 13 Stunden im Museum einplanen müsste. Angesichts durchschnittlicher Kunstbetrachtungszeiten von unter einer Minute ist eine solche Überfrachtung fraglich und verleitet zur Kunstrezeption nach dem Prinzip des Zappings. In jedem Fall tut der Besucher gut daran, ein Zeitbudget von annähernd globalen Dimensionen mitzubringen.

Hervorgegangen ist das Projekt aus dem am ZKM angesiedelten Forschungsprogramm Global Art and the Museum, das sich mit Symposien und Publikationen der Kunst und den Kunstinstitutionen auch jener Regionen widmet, die bis vor Kurzem als "peripher" galten, etwa Afrika oder Indien. Wie um zu untermauern, dass es sich um eine Geburt der Ausstellung aus dem Geiste der Wissenschaft handelt, nimmt The Global Contemporary ihren Ausgangspunkt in mehreren Räumen voller Grafiken, Statistiken, Interviewvideos, Zeitungsartikeln und Infotafeln zum Thema Kunst und Globalisierung seit 1989. Bereits hier stellt sich die Frage, warum mit solcher Rigorosität die Ära der Globalisierung auf die letzten zwei Jahrzehnte reduziert wird. Es scheint, als sei "die Globalisierung" wenn nicht vom Himmel, so doch pünktlich 1989 von der Mauer gefallen. Dass sie ein sehr viel älteres, komplexeres Phänomen ist, hat unter anderem Beltings Kollege Sloterdijk in seinem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals schon 2005 schlüssig aufgezeigt.

Sloterdijk setzt den Beginn der Globalisierung um das Jahr 1500 an, als die europäischen Eroberer die Erdkugel zu kolonisieren begannen. Was wir heute erleben, ist demnach nur der Gipfel eines Eisbergs, in dessen Tiefen auch Jesuitenmissionen, Weltausstellungen und Weltkriege begraben liegen. So zeugt die Ausstellung auch von der grassierenden Gegenwartsmanie, die Kollektivsingulare wie "das Zeitgenössische" oder "das Globale" als Universalien setzt wie einst das 19. Jahrhundert "die Geschichte".

Wie aber sieht sie nun aus, die Kunst, die aus den Bedingungen der so verstandenen Globalisierung hervorgegangen ist? Ein einziger "globaler Stil" ist nicht zu erkennen, und die Ausstellung verzichtet zum Glück darauf, einen solchen diagnostizieren zu wollen. Wie bei Großausstellungen mit Großthemen üblich, haben wir es überwiegend mit Werken zu tun, die vielen Kontexten zugeordnet werden können – und irgendwie scheint die Anschlussfähigkeit heterogener Erscheinungen vor dem Hintergrund homogenisierter Institutionen ja der kleinste Nenner der jüngeren Globalisierung als solcher zu sein.