ZEIT: Inzwischen hat sich aber herumgesprochen, dass man größere Flüssigkeitsmengen nicht mehr im Handgepäck transportieren darf, oder?

Lucchesi: Schon. Nur wissen viele nicht, dass Leberwurst und Brotaufstriche auch "Liquids" sind. Bei Flügen in die Türkei sind die Taschen vollgepackt mit Nutella – offenbar gibt es das dort nicht. Ich habe mit meinen Kollegen mal nachgerechnet: Ungefähr fünf Tonnen dieser Schokocreme werden pro Jahr an deutschen Flughäfen weggeworfen. Das dürfte ein guter Teil der Weltnutellaproduktion sein – jetzt wissen wir, warum die so viel Umsatz machen.

ZEIT: Ist es Ihnen manchmal schwergefallen, Passagieren solche harmlosen Gegenstände abzunehmen?

Lucchesi: Mitunter hätte ich schon gerne ein Auge zugedrückt. Einmal kam ein Inder, der schleppte sich wahnsinnig mit seiner Tasche ab. Als wir ihn baten, sie zu öffnen, lachte der Inder uns an und sagte: "Apple juice!" Und er hatte eine Riesenfreude. Wir haben ihn gefragt, ob es in Indien denn keine Äpfel gebe. Doch, meinte er, aber keinen Apfelsaft. Wir mussten ihm dann beibringen, dass er seine 30 Liter Saft nicht mitnehmen darf; und es war auch zu spät, sie noch zum Check-in zu bringen. Er weinte beinahe, trank rasch noch einen Tetrapak aus, öffnete sogar einen zweiten, aber den bekam er nicht mehr hinunter. Er tat mir so leid. Da hatte er den deutschen Apfelsaft entdeckt, vielleicht schon seiner Familie erzählt, dass er was Tolles mitbringen würde – und dann wanderte das in den Müll.

ZEIT: Abgesehen von der Enttäuschung des Mannes, ist das aber auch eine ganz schöne Verschwendung ...

Lucchesi: Das fanden die Reinigungsleute auch. Die verdienen sehr schlecht, vielleicht fünf Euro brutto die Stunde. Als sie auf einmal Riesenmülltonnen mit Saft und Schokocreme, teuren Parfüms und edlen Spirituosen zu entsorgen hatten, dachten sie sich: Das werfen wir doch nicht weg! Ein paar Wochen lang betrieben sie einen Basar damit. Leider kamen die Flughafen-Verantwortlichen irgendwann dahinter, und viele Leute wurden entlassen.

ZEIT: Insgesamt brachte ihre Arbeit als Kontrolleur also viel Ärger und war mäßig bezahlt. Was hat Sie motiviert, trotzdem zwei Jahre lang jeden Tag anzutreten?

Lucchesi: Der Job trägt dazu bei, dass die Welt ein bisschen sicherer wird. Und dann war da noch dieses Detektiv-Gefühl: Wer ist cleverer, die Verbrecher oder ich? C4-Sprengstoff ist zum Beispiel gar nicht leicht zu entdecken – er sieht auf dem Monitor aus wie Marzipan. Es ist auch toll, wenn man vor dem Feierabend noch rasch einem Schmuggler Speed aus dem Schuh zieht. Und umgekehrt wird man unruhig, wenn man sich sicher ist, dass mit jemandem etwas nicht stimmt, aber nichts findet. An solchen Tagen hab ich mich abends ständig gefragt, ob der Typ vielleicht nur zu schlau war; und immer wieder Nachrichten geschaut, um zu sehen, ob irgendwo ein Flugzeug hochgegangen ist.

ZEIT: Haben Sie tatsächlich mal einen Terroristen entdeckt?

Lucchesi: Das darf ich nicht sagen. Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der mir verbietet, darüber zu sprechen. Aber sagen wir mal so: Der Job hat mich verändert. Ich kann nicht mehr ohne Hintergedanken durch einen Flughafen laufen. Vielleicht gehe ich ja gerade an einem Massenmörder vorbei, einem Dieb, einem Schmuggler – und weiß ich, ob die Dame, die da Kaffee trinkt, nicht irgendwas vorhat?

ZEIT: Haben Sie mit dem Job deshalb wieder aufgehört?

Lucchesi: Nein, mein Vertrag wurde nicht verlängert. Unter Kollegen hieß ich the whistler, weil ich den Passagieren gerne ein Liedchen vorgepfiffen habe. Zum Beispiel Hava nagila bei Israelis, Sweet home Alabama , wenn ein Marshall aus diesem US-Staat kam. Ich finde es wichtig, dass ein Kontrolleur beides kann: Energisch durchgreifen, aber auch gute Laune verbreiten. Bei den Passagieren kam das Pfeifen bestens an – aber nicht bei den Vorgesetzten.

ZEIT: Jetzt haben Sie gerade ein Buch über Ihre Erfahrungen veröffentlicht, mit dem Titel: Die Bombe ist eh im Koffer . Was sagen Ihre ehemaligen Kollegen dazu?

Lucchesi: Oh, ich kriege viele begeisterte Anrufe. Vor ein paar Tagen erst meldete sich zum Beispiel eine Exkollegin. Sie erzählte, eine ältere Dame sei zur Kontrolle zu ihr gekommen, habe mein Buch aus der Tasche gezogen und gesagt: "Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für Ihre Arbeit. Was soll ich tun?"

ZEIT: Was hätten Sie der Dame geantwortet?

Lucchesi: Halten Sie sich einfach an die Regeln. Schlüssel aus den Taschen, Laptop aufs Band. Und schön freundlich bleiben. Denn wenn jemand wirklich nervt, haben wir Kontrolleure schon auch Möglichkeiten. Wir können nicht nur das Gepäck zerpflücken, wir können jemanden auch in den Wellnessbereich bitten. So nennen wir die Kabine, in der man sich splitternackt ausziehen muss.